Konstruktives Mentoring statt Verriss: Siems Luckwaldt vs „Der Spiegel”, Epilog

Zelt Bebelplatz Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Herbst/Winter 2011/2012

Epilog

Wo sind sie, die neuen Joops, Sanders, Lagerfelds, fragen sich Journalisten-Kollegen und der interessierte Teil der Öffentlichkeit in regelmäßigen Abständen. Die stehen in den Startlöchern, antworte ich darauf jedes Mal und mit Nachdruck. Die kann man heute (!) bereits, z.B. in Berlin, beobachten und anfeuern – wenn man möchte. Man kann sie aber auch aus der Ferne totschreiben, ihnen die einzige (Medien-)Plattform entziehen, die sie (endlich) haben. Und so den brain drain ins Ausland, nach Wissenschaft und Handwerk, auch in der Modebranche aktiv fördern. It‘s up to us!

Psychologisch interessant ist es schon, dass uns bei der heimischen Modebranche, bei hoffnungsvollen Nachwuchsdesignern und mutigen Designunternehmern, jeglicher Mutterinstinkt abgeht. Bei bengalischen Tigern und Waisen in Bangladesch dagegen knipsen wir ohne zu zögern das wärmende Licht der Empathie an.

Berlin vs Düsseldorf? Nein!

Zum Standort Berlin hatte ich vor knapp zwei Jahren ein erhellendes Gespräch für Capital mit Premium-Mitbegründerin Anita Tillmann. Ich fragte sie, wie sie die Konkurrenz-Situation zwischen Düsseldorf, Veranstaltungsort der CPD (jetzt CPD Signatures), und der Modewoche in Berlin beurteile. Der Vorwurf: In Berlin werde bloß gefeiert, das Geschäft aber weiterhin in am Rhein gemacht. Und Tillmann, gebürtige Düsseldorferin, antwortete ganz einleuchtend sinngemäß so: „Wir sind nun mal dezentral aufgestellt in Deutschland. Warum sollen denn nicht die [eventartige] Präsentation der Mode, nebst Partys, in Berlin stattfinden und die Order in Düsseldorf geschrieben werden?“ Ganz davon abgesehen, dass auch die vielzitierte Business-Übermacht der CPD mehr als bröckelt, wie die „Brand Eins”-Kollegen beschreiben.

Mentoring statt Verriss

Natürlich muss es Aufgabe der Presse bleiben, kritisch zu beurteilen, wie die Fashion Week Berlin organisiert wird, wie die Kollektionen ausfallen, wer vielleicht nicht nicht hätte zeigen sollen, wie es um das generelle Niveau bestellt ist. Es ist jedoch auch nicht der Job eines Journalisten wie die Herren Waldorf & Statler in der „Muppet Show” aus sicherer Logen-Entfernung zu motzen, sondern mit den Modemachern in einen konstruktiven Dialog via Druckzeichen oder Buchstaben-Pixel zu treten. Konstruktives Mentoring statt geschäftsschädigendem Verriss aus einer Laune heraus.

Werte „Spiegel”-Kollegin, kennen Sie eigentlich Melissa Drier? Wenn nicht, sollten Sie sie kennenlernen, denn Melissa, die auf Englisch für den Fachdienst WWD berichtet, ist unserer Meinung nach eine der besten Modejournalistinnen auf deutschem Boden. Sie fordert um zu fördern, begleitet die Designer das ganze Jahr über – und dass mit mehr Know-how und Wohlwollen, als vermutlich ihr ganzes Ressort „Mode“ aufbringen kann. Wenn die deutsche Modenation eine „Mutter“ hat, dann in ihr. Doch wir brauchen noch viel mehr Pflege-Mütter und -Väter, die mithelfen, dass sowohl der Nachwuchs wie auch etablierte und vor der Expansion stehende Designer und Label flügge werden und prosperieren.

Jetzt noch einmal weniger sentimental und für die Generation BWL formuliert: Der Modestandort Deutschland ist ein spannendes Start-up-Unternehmen. Wir brauchen Fleiss 24/7, Leidenschaft in jeder Pore – und venture capital von Menschen, die daran glauben.

Wer ist dabei?

Lesen Sie nach, wie die Diskussion begann

Foto(s): Mercedes-Benz Fashion Week Berlin/PR

Opulenz, Chefredakteurinnen und Profit: Siems Luckwaldt vs „Der Spiegel”, Teil 4

Michael Michalsky BERLIN FASHION WEEK FW11 01/21/2011

Zitat: Nur Hugo Boss hält Berlin die Treue – und der Designer Michael Michalsky, der bedingungslos an den Standort glaubt: “Die Stadt hat ein eigenständiges Profil, sie steht für Mode des 21. Jahrhunderts. Die Schauen in Paris und Mailand sind antiquiert. In Berlin geht es um Streetwear und Subkulturen.”

Genau. Es kann und darf in Berlin eben nicht um einen Abklatsch nach Pariser oder Mailänder Formel gehen. Deshalb ist das seit Jahren (auch von anderen Kollegen) gemauelte „Berlin ist nicht Paris/Mailand/New York“ auch so unerträglich, destruktiv, trotzkindisch. Was soll das denn heißen? Berlin soll so sein wie Mailand? Soll Armani an der Spree zeigen und dazu gibt es Prosecco und Parmesan vom Laib? Wäre dann alles gut?

Nein, meines Erachtens muss Berlin den Weg Londons gehen, wo man sich unbeirrt seine eigenen Modegrößen ausgebildet, unterstützt und schließlich beklatscht hat. Alexander McQueen, Gareth Pugh, Peter Pilotto … Nicht immer in Nachbars Garten schauen und über das Gras klagen, das dort so viel grüner aussieht. Nicht Gäste aus dem Ausland hinzukaufen, damit man sich besser fühlt. Einen eigenen Weg gehen, und zielstrebig und auch mit ein klein wenig gesundem Patriotismus, aka Selbstbewusstsein (nein, das heißt nicht „blind“!) verfolgen.

„Support your local dealer”

Für Friseure gab es ja mal die Plakatkampagne „Was Friseure können, können nur Friseure“, für kleine Läden aus der Umgebung gibt es „Support your local dealer“-T-Shirts und selbst Kaninchenzüchter haben ihre mächtigen Verbände. Uns fehlt einfach eine Mode-Lobby vom Schlage der CFDA in New York. Punkt. Ein Verband, prominent besetzt, der Deutschland immer wieder daran erinnert, dass es an uns selbst liegt, ob wir lieber alles einkaufen oder auch selbst kreieren und verkaufen wollen. Der uns außerdem gebetsmühlenartig klar macht, dass es nur Branchen wie (Mode-)Design und andere Kreativberufe sind, mit denen wir überhaupt noch eine Chance haben können auf dem Weltmarkt. Kreativität, das haben so viele Autoren in preisgekrönten Büchern geschrieben, das es eine Schande ist, dass Kreative immer noch gegen zig Windmühlen kämpfen müssen, ist nicht die Währung der Zukunft sondern längst schon der Gegenwart! Wake up, everyone!!

Zitat: Aber zu sub sollte es eben auch nicht werden. Aus der Not fehlender Top-Namen wollten die Berliner Veranstalter eine Tugend machen und sich als Schaufenster des lokalen Nachwuchses präsentieren. Die Folge: Opulenz verströmen in Berlin weder die Schauen noch die gezeigte Mode.

Ach, auf einmal geht es um Opulenz, um Glamour, um VIPs ud Goldbrokat. Ich verrate ihnen mal, was Sie schreiben würden, wenn es das alles in Berlin so gäbe. „Außer (Promi-)Spesen nicht gewesen. Berlin zelebriert den Pomp, von modischer Innovation keine Spur“. Sollte es jemals so kommen, dann können Sie mich gern zitieren. Kostenlos!

Zitat: Der neudeutsche Purismus hat handfeste Gründe: Die aktuellen Berliner Zeltmieten von 10 000 bis 20 000 Euro für 20 Minuten Laufsteg-Brimborium sind für junge Designer mittlerweile eine riskante Investition. Viele haben die vergangenen Rezessionsjahre finanziell nicht überlebt.

Aha, jetzt noch einmal den Stiletto-Absatz tief in die Wunden der Newcomer und mutigen Existenzgründer treten. Und, nur zur Info, die 20 000 Euro sind ein Schnäppchen gegen zwischen 500 000 und 1 Million Dollar in New York. Viel Geld, ja, aber trotzdem noch Discount in der Modewelt. Und das ist auch gut so.

Zitat: Statt Kleidung zu entwerfen, suchte Kerner nach Sponsoren und nahm Nebenjobs an. Mittlerweile hat er einen Investor gefunden. Nicht auf der Modewoche, sondern ganz zufällig. Ein Rechtsanwalt stieg bei ihm ein.

Und das ist schlimm, weil …? Und so fahrlässig formuliert, klingt, als müsste Kilian Kerner nachts am McDrive Fritten verkloppen. Und selbst wenn: Für einen Traum tut man alles, oder? Ich empfehle Ihnen als reality check diesen Film.

Zitat: Zwar profitiert die Mode nicht von der Stadt, aber die Stadt von der Mode.
[…]
Weil parallel zur Fashion Week zwei Modemessen stattfinden, rechnen Hotels mit 200 000 zusätzlichen Übernachtungen, Taxifahrer und Restaurants machen gute Umsätze. Die Berlin Tourismus Marketing GmbH schätzt die Mehreinnahmen auf 100 Millionen Euro.

Dazu einfach mal ein paar ergänzende Zahlen aus der „Brand Eins” (S. 120 bis 124), wenn’s recht ist: 600 bis 800 Modedesigner haben ihre Ateliers oder Firmensitze in der Stadt. 250 000 Besucher kommen in jeder Saison nach Berlin, um sich Mercedes-Benz Fashion Week, Premium, Bread & Butter sowie diverse (!) flankierende Showroom- und sonstige Mode-Veranstaltungen anzuschauen. Knapp 90 Millionen Euro bringt das Berlin im Jahr ein. Zahlen darüber hinaus? Schwierig. Die Berliner Modewoche ist eben keine Traktorenmessen, wo am Schluss einfach die georderten Maschinen gezählt werden müssen. Viele Order erfolgen im Anschluss in Showrooms, in anderen Städten etc.

Zitat: Doch für die Designer zählt vor allem, wer bei ihnen im Publikum sitzt – oder eben nicht. Top-Modejournalisten wie die US-“Vogue”-Chefin Anna Wintour fehlen. Wenn in der deutschen Hauptstadt junge Designer ihre Mode zeigen, bleiben selbst die Plätze für die hiesigen Chefredakteurinnen meist leer.

Bei wie vielen Shows waren Sie denn, Frau Kollegin? Und: Würden sie „hiesige Chefredakteurinnen“ überhaupt erkennen, wenn sie Ihnen gegenüber säßen? Als kleinen Gratis-Blick in die Kristallkugel der Mode-Medienzukunft würde ich dazu gern noch dies loswerden: Die vormals exklusive Welt der Modeberichterstattung ist mitten drin im radikalsten Wandel seit der Erfindung der Modenschau. Ob Blogger in der front row oder live streams für alle im Internet, der elitäre Zirkel, der Designer und ihre Werke beurteilt, kriegt weltweit täglich neue Gesellschaft und sollte es sich auf den Erste-Reihe-Polstern nicht zu bequem machen. Die Google-Gesellschaft bricht alte Kräfte- und Machtverhältnisse gerade schneller auf, als Sie „Fashion Week Berlin“ in die Suchmaschine tippen können.

Bald geschafft, hier kommt der Epilog …

Foto(s): Mercedes-Benz Fashion Week Berlin/PR

Von Einkäufern und Promis: Siems Luckwaldt vs „Der Spiegel”, Teil 3

Jenny Elvers-Elbertzhagen Mercedes-Benz Fashion Week Berlin 2011/2012

Zitat: Wenn die Fashion Week am Dienstag startet, wird es in Berlin auch an bedeutenden Einkäufern fehlen, an wichtigen Modekritikern – und sogar an zugkräftigen Marken.
[…]
Das Grundproblem der Berliner Show: Sie hat die kritische Masse und Klasse nie erreicht, die dann erst den Glanz wirklich prominenter Kunden und mit ihnen das Geld großer Investoren anzieht.
[…]
Wichtige Einkäufer großer Nobelkaufhäuser wurden dagegen nie gesichtet.

Sind Sie hellsichtig begabt, Frau Kollegin? „Wird es an …fehlen?“ Ist das Journalismus aus der Kristallkugel? Anyway, zur Frage, wann eine Modenschau, eine Fashion Week insgesamt, erfolgreich verlaufen ist für die teilnehmenden Designer: Da haben sich die Kollegen von Brand Eins ein wenig mehr Mühe bei der Recherche gemacht, und in einem sehr differenzierten Artikel sehr gut erfasst, dass Mode nicht nur stofflich, das Geschäft mit ihr vor allem feinstofflich ist! Da gehört die Inszenierung ebenso zum Produkt wie eine Design-Vision und die textile Verarbeitung.

Und in der Tat gibt es manche Show in Berlin, die noch nicht das erfüllte, was US-Designerin Nanette Lepore einmal in einem Interview zu den allgemeinen Kriterien für eine Fashion-Week-Teilnahme formuliert hat: „There are plenty of collections out there that do big business, but they’re not runway-worthy. Their looks are not fashion-forward and they are not directional. Buyers and the press have very little tolerance for seeing bland, mainstream collections on the runway. Those that show are the talented leaders in the industry and their influence trickles down to everyone else.“ Aber, sagt Lepore, hier hilft die natürliche Auslese: „If they don’t get any press and don’t sell well they don’t show up again next season.

Die Einkäufer: Die sind in Deutschland nicht ganz so leicht zu identifizieren, als anderswo. Noch ordern Saks Fifth Avenue, Barneys, Nordstrom oder Bergdorf Goodman nicht oder kaum beim deutschen Modenachwuchs. Doch wenn wir nicht einmal an unsere Fashion-Power glauben, wie soll es denn das Ausland tun? Self-fulfiling prophecy und so, gell! Ohnehin hält sich der Einzelhandel Rezessions-bedingt gerade mit dem Orderbuch zurück – auch bei großen, internationalen, etablierten Häusern übrigens. Umso wichtiger ist der grass roots support im Inland!

Blau gefärbter Pudel Mercedes-Benz Fashion Week Berlin 2011/2012

Zitat: Berlin lockt Promis an vom Schlage der Immer-noch-Lothar-Matthäus-Gattin Liliana. Ebenfalls stets in der ersten Reihe präsent: der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der sich dann gern mit Schönheiten wie Sarah Nuru, Gewinnerin von “Germany’s Next Topmodel”, schmückt.

Tilda Swinton? Hayden Christensen? Karolina Kurkova? Alle verpasst, Frau Kollegin?? Deutschland, deine Promis. Ganz ehrlich, das wäre jetzt eine eigene Abhandlung wert. Und ganz ehrlich, das Fehlen „wahrer Stars“ kann man wohl kaum der Fashion Week Berlin anlasten. Außerdem: Wenn Sie in Italien am Laufsteg sitzen, vor allem bei den Männerschauen, dann kennen auch nur die Italiener die vollbusigen Starlets, die als VIPs geladen sind. (Wie es sich vermutlich anfühlt, als prominentes Kamera-Freiwild in der ersten Reihe zu hocken, dass hat der Kollege Jeroen van Rooijen in der NZZ aufgeschrieben.)

Zitat: Immerhin: Im Jahr 2007 zählten die Veranstalter 11 Designer, dieses Jahr stehen über 40 Schauen auf dem Plan.

Ist das ein Lob? Ich fasse es nicht! Zusatz-Info: Die New York Fashion Week umfasste 1993, also 50 Jahre nach ihrem Start, 42 Modenschauen. No need to feel bad, right?

Zitat: Zum Begleitprogramm gehören auch die “Showroom Days” von Galeria Kaufhof, was in etwa so avantgardistisch klingt wie ein Tupperabend in Frankfurt an der Oder.

Keine Zeit gehabt zur Premium zu fahren? Oder zur Bread & Butter? Oder zum Green Showroom? Schade. Nur rausgepickt, was sich sarkastisch verarbeiten lässt? Unprofessionell.

Weiter zu Teil 4 …

Foto(s): Mercedes-Benz Fashion Week Berlin/PR

New York Fashion Week, anno 1943: Siems Luckwaldt vs „Der Spiegel”, Teil 2

Kilian Kerner Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Herbst/Winter 2011/2012

Zitat: Kilian Kerner sucht nach richtigen Kerlen. Aber in Berlin ist das gerade schwierig. “Ich habe Mühe, männliche Models zu finden”, sagt der 31-jährige Modedesigner, der am Freitag seine Winterkollektion in einem Zelt am Bebelplatz vorstellen will. Statt bei der dortigen Fashion Week laufen viele der Herren lieber bei der Konkurrenzveranstaltung, den Männerschauen in Paris.

Geschmunzelt, Frau Kollegin, habe ich nur über die Formulierung „in einem Zelt am Bebelplatz“ (müsste es nicht „auf dem Bebelplatz” heißen?). Das klingt ein wenig nach Ferienlager – und nach Nicht–selbst-dort-gewesen-sein. Die Männermodels? Tja, die sind in der Tat in Paris unterwegs, da lassen der etabliertere Modewoche-Standort Paris und die sich überschneidenden Termine keine Wahl. Da aber die wenigsten Designer in Berlin (auch) Männermode zeigen, hält sich das Problem in engen Grenzen.

Zitat: Die wenigen wirklich bekannten heimischen Namen wie Jil Sander oder Strenesse präsentieren ihre Kollektionen lieber in Mailand. Andere kämpfen selbst schon ums Überleben wie Wunderkind. Wolfgang Joops kränkelnder Haute-Couture-Spross entlässt gerade einen Teil der ohnehin kleinen Belegschaft, streicht Kollektionen und kürzt Investitionen.

Stimmt, Jil Sander zeigt in Mailand, ist allerdings auch nicht mehr die Hamburger Firma aus den 80ern und 90er, sondern eine mehrfach weitergereichte Modemarke mit italienischem Firmensitz. Nur mal so by the way. Strenesse hat dagegen mit seiner Linie Strenesse Blue bereits mehrfach in Berlin einen Catwalk gebucht. Und das Nachtreten im Falle Wunderkind – ist das nicht ein klein wenig billig, Frau Kollegin? Generell gilt: Jede Marke darf doch frei wählen, welche Märkte ihre stärksten sind und in welchem Konkurrenten-Umfeld sie sich sieht und präsentieren möchte. Und wenn Gucci am Nordpol zeigen will, dann hat halt auch der Mailänder Kalender mal eine Schau weniger.

Zitat: Dabei wollten sie an der Spree einst den großen Fashion-Metropolen Paroli bieten, als sie sich 2007 von der US-Agentur IMG erstmals ihre “Berlin Fashion Week” organisieren ließen – wie die Firma das auch für New York macht. Der hiesige Ableger ist bisher allerdings eher Prenzlauer Berg geworden denn Paris, weniger Mailand als Moabit.

Hübsch-hämische Alliterationen sind das, Frau Kollegin. „Mailand und Moabit”, da muss man erst einmal drauf kommen. Fein, dass Sie das Stichwort New York erwähnen. Immer wieder gern zum Vergleich herangezogen, weil NYC die jüngste der Modemetropolen neben Paris, Mailand und London ist. Denkt man. Da ist immer von 1993 als Starttermin im Bryant Park die Rede, stimmt‘s? Und dort zeigen schließlich große Häuser wie Calvin Klein, Donna Karan, Hilfiger, Narciso Rodriguez … Die Frage ist aber hierbei eine andere. Wie kam es dazu? Da Ihre Zeit zum Googeln offensichtlich nicht ausreichte, will ich Sie gern in einem Crash-Kurs mitnehmen durch das Kapitel „Mode in Manhattan”. Da lernt man so einiges. Vor allem, wie man einen Modestandort erschafft und mit vereintem Wohlwollen unterstützt.

Wie man Mode aus der Heimat promotet

1943, also 50 Jahre vor dem ersten Defilee im Bryant Park (in Zelten, shocking, oder?), organisierte die Mode-Autorin Eleanor Lambert, angeheuert vom The Dress Institute, die erste „Press Week“, wie die NYFW damals noch hieß. Der Grund? Durch den Zweiten Weltkrieg konnte niemand zu den Schauen nach Paris reisen, die ohnehin nur sehr reduziert stattfanden. Außerdem wollte sie das Augenmerk der berichtenden Presse verstärkt auf amerikanische Designer lenken. Die wurden nämlich – kommt Ihnen das bekannt vor? – bis dato nur unter ferner liefen abgehandelt, während Pariser Designer als internationale Stars verehrt wurden. Auch in der US-„Vogue” mussten einheimische Modeschöpfer um Randspalten-Zeilchen ringen. Lamberts Plan ging auf und peux à peux vergrößerte sich der Aufmerksamkeit-Anteil für Design Created in the US of A. Zur Info: Die Modebranche von New York verfügt heute über circa 175 000 Arbeitsplätze. Gäste der New York Fashion Week: über 100 000. Einnahmen für die Stadt: geschätzte 235 Millionen Dollar.

Lesen Sie gleich weiter …

Foto(s): Mercedes-Benz Fashion Week Berlin/PR

Fehlender Mutterinstinkt: Siems Luckwaldt vs „Der Spiegel”, Teil 1

Fehlender Mutterinstinkt

Wie manche Medien mutwillig den Modestandort Deutschland sabotieren

Man könnte sich eigentlich freuen, wenn sich namhafte Magazine dem Thema Mode annehmen.  Ein elite-journalistisches Schulterklopfen für eine oft als trivial belächelte Milliarden-Branche. Leider fallen Recherche und Reflexion jedoch meist so aus, wie jüngst in „Der Spiegel”. Zunächst kam mir die sprichwörtliche Eiche in den Sinn. Und die Wildsau, die sich an ihr reibt. Dann dachte ich an all die fabelhaften Menschen, die wir für Nahtlos! bereits treffen und interviewen durften, und deren Herz im Takt der Catwalk-Beats schlägt. Und ich beschloss, dieses Pamphlet as Halbheiten und Häme so nicht auf uns allen sitzen zu lassen. Hier nun meine fünfteilige Antwort auf den Artikel zur  Fashion Week Berlin, der viel verrät: über das modische Unverständnis eines Leitmediums und den deutschen Minderwertigkeitskomplex.

Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Herbst/Winter 20011/2012

Ja, es steht wirklich schlimm um Deutschland. Zum Verzweifeln, zum Schlosshundheulen, zum Sich-deprimiert-die-Kugel-Geben ist das. Unser Filme sind nicht Hollywood, die meisten noch nicht mal französischer Kunstfilm. Wir haben keine Pop-Superstars, die sich Diamanten auf die Schneidezähne kleben lassen und Arenen in aller Welt füllen könnten. Wir haben nicht mal einen deutschen Pianisten mit Lang-Lang-Appeal. Und kochen wie Bocuse oder wenigstens TV-Kochen wie Gordon Ramsay? Nein, da haben wir auch nicht so wirklich „hier“ gerufen. Christian Rach in allen Ehren.

Und wenn einer etwas schafft, etwas Außergewöhnliches vollbringt, das ihn oder sie aus dem grauen Breit der breiten Maße hebt, dann warten wir. Zunächst geduldig, dann ungeduldig, schließlich schlaflos darauf, dass der Stern endlich den Sinkflug antritt. Am besten direkt ins Dschungelcamp. Zum Rattenschwanz-Festmahl. Stimmt, wir beklagen uns, es gebe keine „wirklichen Stars“ in Deutschland. Und bemühen uns gleichzeitig nach Kräften, dass das auch bitteschön auf immer so bleibt. Nur wer im Ausland als Deutscher Erfolg hat, dem wird eventuell das Glück dauerhafter Bewunderung in der Heimat zuteil.

Karl Lagerfeld etwa, was uns zur schwierigsten Branche und psychologischen Gemengelage führt, der deutschen Mode. Hier entfaltet unser latenter deutscher Minderwertigkeitskomplex nämlich seine ganze perfide Bandbreite. Am Verhältnis der deutschen zur Bekleidung und deren Machern sowie zur Fashion Week Berlin, würde sich vermutlich selbst Freud die analytischen Zähne ausbeißen. Update: Eine vorzügliche historische Abhandlung zu diesem Thema hat Joachim Schirrmacher veröffentlicht, Projektleiter des European Fashion Award. Lesen!)

Auseinandersetzung mit Mode – eine Frage von Verantwortung!

Die perfekte Steilvorlage für diesen kritischen Zwischenruf lieferte am 20. Januar das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel”, in dem unter der Titelzeile „In Deutschland weltbekannt“ ein in seiner Ahnungslosigkeit wie auch Häme erstaunliches Fazit der Autorin Ricarda Landgrebe erschien. Nun könnte man sich als entschiedener Unterstützer des Modestandortes Deutschland, des deutschen Design-Nachwuchses und der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin eigentlich freuen, dass „Der Spiegel” überhaupt über die Modewoche in der Hauptstadt berichtet und sich in einem Resümee erneut des Themas annimmt. Auch kritische Töne sind schließlich PR. Doch so wie in diesem Text kann eine Auseinandersetzung mit Mode in und aus Deutschland einfach nicht weitergehen. Das ist neben faktischen und stilistischen Mängeln vor allem eine Frage von Verantwortung!

Christiane Arp Vogue Mercedes-Benz Fashion Week Berlin

Im Folgenden habe ich mir einmal die Mühe gemacht, die wichtigsten Desinformationen, Polemiken und branchenschädigenden Behauptungen des Artikels aufzuarbeiten, den „Vogue“-Chefredakteurin Christiane Arp so kommentierte: „Schon im zweiten Absatz … stand so viel Scheiße, dass ich zu lesen aufgehört habe.” Ich habe mich durchgebissen, bleiben Sie in den folgenden fünf Essay-Teilen bei mir. Los geht es:

Zitat: Die Berliner Modewoche wollte sich mit den großen Fashion-Metropolen messen. Der Versuch darf als gescheitert betrachtet werden.

Nein, die Autorin hält mit ihrer Meinung (!) nicht hinterm Berg, der erste Satz ist bereits das Todesurteil für die im Jahr 2007 gestartete Fashion Week Berlin, organisiert von IMG und Titelsponsor Mercedes-Benz. Kein Wort davon, dass die Messen Premium sowie Bread & Butter bereits Jahre vorher wichtige, wenn nicht die entscheidenden Grundsteine für die Modestadt Berlin legten. Ein Artikel, der mit diesem Entree allenfalls als Kommentar, als Einzelmeinung hätte erscheinen dürfen. Und nicht sorglos abgelegt im Ressort Mode.

Wir lesen mal weiter …

Nahtlos! beim DaWanda Fashion Tale feat. Disney's „Neu Verföhnt“

Am Sonntag haben wir als Jury-Mitglieder die ehrenvolle Aufgabe, die Sieger des DaWanda Modewettbewerbs mit zu küren. Im Rahmen der Disney-Premiere „Rapunzel – Neu verföhnt“ präsentieren rund 80 Modestudenten ihre Entwürfe, allesamt vom Märchenfilm inspiriert. Auch Sie können mitentscheiden

Nahtlos! – völlig verföhnt? Nein, so schlimm ist es nicht. Aber: wir werden am Sonntag in Berlin eine ehrenvolle Jury-Pflicht zu erfüllen haben. Unter dem Titel „DaWanda Fashion Tale” (und in Kooperation mit Walt Disney), werden rund 80 Studenten von neun Mode- und Fachhochschulen in Berlin Outfits präsentieren, die allesamt vom neuen Trickfilm-Märchen „Rapunzel – Neu verföhnt” inspiriert sind. Den drei Gewinnern winken 4500 Euro Preisgeld, neben Ruhm und Ehre natürlich. Außerdem gibt es einen Publikumspreis.

Das Wichtigste ist aber, dass alle Erlöse (Spenden, Verkäufe von Charity-Produkten etc.) vollständig der Kinder- und Jugendorganisation „Die Arche” zugute kommen. Mit uns in der Jury sitzen die Nahtlos!-Freunde Kilian Kerner und Esther Perbandt (entwarfen je eines der Charity-Produkte) sowie Moderatorin und Designerin Annabelle Mandeng. Außerdem zwei Kolleginnen – von den Magazinen „In” und „Sportswear International”. Wir haben bereits einige der Outfits inspired by „Rapunzel” gesehen und freuen uns riesig auf die Live-Modenschau – und den Film. In 3D. Und ganz besonders auf Pascal, das Chamäleon!

DaWanda Fashion Tale Nahtlos! Rapunzel Disney

Interview mit Jeremy Hackett (für how to spend it)

Interview mit Jeremy Hackett (für how to spend it)

Interview mit Jeremy Hackett (für how to spend it)

„Bunte Schuhe stiften Unheil“, sagt Modeunternehmer und Stil-Kolumnist Jeremy Hackett – und findet in unserem Gespräch für a passion for fashion, das Mode-Spezial von how to spend it, noch weitere deutliche Worte zum Thema “Männer und Farbe”.

“Ich bin sicher, Soziologen haben eine schicke Theorie parat, warum Männer angeblich plötzlich nach bunten Schuhen verlangen. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass ihr Alltag enorm reglementiert ist und sie nach Ventilen für ihre kreative Seite suchen. Aber wenn bunte Schuhe die Antwort auf ein tristes, graues Leben sein sollten, ziehe ich trist und grau allemal vor.” [weiterlesen]