Fehlender Mutterinstinkt: Siems Luckwaldt vs „Der Spiegel”, Teil 1

Fehlender Mutterinstinkt

Wie manche Medien mutwillig den Modestandort Deutschland sabotieren

Man könnte sich eigentlich freuen, wenn sich namhafte Magazine dem Thema Mode annehmen.  Ein elite-journalistisches Schulterklopfen für eine oft als trivial belächelte Milliarden-Branche. Leider fallen Recherche und Reflexion jedoch meist so aus, wie jüngst in „Der Spiegel”. Zunächst kam mir die sprichwörtliche Eiche in den Sinn. Und die Wildsau, die sich an ihr reibt. Dann dachte ich an all die fabelhaften Menschen, die wir für Nahtlos! bereits treffen und interviewen durften, und deren Herz im Takt der Catwalk-Beats schlägt. Und ich beschloss, dieses Pamphlet as Halbheiten und Häme so nicht auf uns allen sitzen zu lassen. Hier nun meine fünfteilige Antwort auf den Artikel zur  Fashion Week Berlin, der viel verrät: über das modische Unverständnis eines Leitmediums und den deutschen Minderwertigkeitskomplex.

Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Herbst/Winter 20011/2012

Ja, es steht wirklich schlimm um Deutschland. Zum Verzweifeln, zum Schlosshundheulen, zum Sich-deprimiert-die-Kugel-Geben ist das. Unser Filme sind nicht Hollywood, die meisten noch nicht mal französischer Kunstfilm. Wir haben keine Pop-Superstars, die sich Diamanten auf die Schneidezähne kleben lassen und Arenen in aller Welt füllen könnten. Wir haben nicht mal einen deutschen Pianisten mit Lang-Lang-Appeal. Und kochen wie Bocuse oder wenigstens TV-Kochen wie Gordon Ramsay? Nein, da haben wir auch nicht so wirklich „hier“ gerufen. Christian Rach in allen Ehren.

Und wenn einer etwas schafft, etwas Außergewöhnliches vollbringt, das ihn oder sie aus dem grauen Breit der breiten Maße hebt, dann warten wir. Zunächst geduldig, dann ungeduldig, schließlich schlaflos darauf, dass der Stern endlich den Sinkflug antritt. Am besten direkt ins Dschungelcamp. Zum Rattenschwanz-Festmahl. Stimmt, wir beklagen uns, es gebe keine „wirklichen Stars“ in Deutschland. Und bemühen uns gleichzeitig nach Kräften, dass das auch bitteschön auf immer so bleibt. Nur wer im Ausland als Deutscher Erfolg hat, dem wird eventuell das Glück dauerhafter Bewunderung in der Heimat zuteil.

Karl Lagerfeld etwa, was uns zur schwierigsten Branche und psychologischen Gemengelage führt, der deutschen Mode. Hier entfaltet unser latenter deutscher Minderwertigkeitskomplex nämlich seine ganze perfide Bandbreite. Am Verhältnis der deutschen zur Bekleidung und deren Machern sowie zur Fashion Week Berlin, würde sich vermutlich selbst Freud die analytischen Zähne ausbeißen. Update: Eine vorzügliche historische Abhandlung zu diesem Thema hat Joachim Schirrmacher veröffentlicht, Projektleiter des European Fashion Award. Lesen!)

Auseinandersetzung mit Mode – eine Frage von Verantwortung!

Die perfekte Steilvorlage für diesen kritischen Zwischenruf lieferte am 20. Januar das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel”, in dem unter der Titelzeile „In Deutschland weltbekannt“ ein in seiner Ahnungslosigkeit wie auch Häme erstaunliches Fazit der Autorin Ricarda Landgrebe erschien. Nun könnte man sich als entschiedener Unterstützer des Modestandortes Deutschland, des deutschen Design-Nachwuchses und der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin eigentlich freuen, dass „Der Spiegel” überhaupt über die Modewoche in der Hauptstadt berichtet und sich in einem Resümee erneut des Themas annimmt. Auch kritische Töne sind schließlich PR. Doch so wie in diesem Text kann eine Auseinandersetzung mit Mode in und aus Deutschland einfach nicht weitergehen. Das ist neben faktischen und stilistischen Mängeln vor allem eine Frage von Verantwortung!

Christiane Arp Vogue Mercedes-Benz Fashion Week Berlin

Im Folgenden habe ich mir einmal die Mühe gemacht, die wichtigsten Desinformationen, Polemiken und branchenschädigenden Behauptungen des Artikels aufzuarbeiten, den „Vogue“-Chefredakteurin Christiane Arp so kommentierte: „Schon im zweiten Absatz … stand so viel Scheiße, dass ich zu lesen aufgehört habe.” Ich habe mich durchgebissen, bleiben Sie in den folgenden fünf Essay-Teilen bei mir. Los geht es:

Zitat: Die Berliner Modewoche wollte sich mit den großen Fashion-Metropolen messen. Der Versuch darf als gescheitert betrachtet werden.

Nein, die Autorin hält mit ihrer Meinung (!) nicht hinterm Berg, der erste Satz ist bereits das Todesurteil für die im Jahr 2007 gestartete Fashion Week Berlin, organisiert von IMG und Titelsponsor Mercedes-Benz. Kein Wort davon, dass die Messen Premium sowie Bread & Butter bereits Jahre vorher wichtige, wenn nicht die entscheidenden Grundsteine für die Modestadt Berlin legten. Ein Artikel, der mit diesem Entree allenfalls als Kommentar, als Einzelmeinung hätte erscheinen dürfen. Und nicht sorglos abgelegt im Ressort Mode.

Wir lesen mal weiter …

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siems.luckwaldt

Siems Luckwaldt ist seit über 15 Jahren als Journalist und Redakteur tätig. Seine Themen: Interviews, Mode, Lifestyle u. Modernes Leben. Weitere Angebote: Corporate Publishing, Social Media Coaching, Blogs

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