Konstruktives Mentoring statt Verriss: Siems Luckwaldt vs „Der Spiegel”, Epilog

Zelt Bebelplatz Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Herbst/Winter 2011/2012

Epilog

Wo sind sie, die neuen Joops, Sanders, Lagerfelds, fragen sich Journalisten-Kollegen und der interessierte Teil der Öffentlichkeit in regelmäßigen Abständen. Die stehen in den Startlöchern, antworte ich darauf jedes Mal und mit Nachdruck. Die kann man heute (!) bereits, z.B. in Berlin, beobachten und anfeuern – wenn man möchte. Man kann sie aber auch aus der Ferne totschreiben, ihnen die einzige (Medien-)Plattform entziehen, die sie (endlich) haben. Und so den brain drain ins Ausland, nach Wissenschaft und Handwerk, auch in der Modebranche aktiv fördern. It‘s up to us!

Psychologisch interessant ist es schon, dass uns bei der heimischen Modebranche, bei hoffnungsvollen Nachwuchsdesignern und mutigen Designunternehmern, jeglicher Mutterinstinkt abgeht. Bei bengalischen Tigern und Waisen in Bangladesch dagegen knipsen wir ohne zu zögern das wärmende Licht der Empathie an.

Berlin vs Düsseldorf? Nein!

Zum Standort Berlin hatte ich vor knapp zwei Jahren ein erhellendes Gespräch für Capital mit Premium-Mitbegründerin Anita Tillmann. Ich fragte sie, wie sie die Konkurrenz-Situation zwischen Düsseldorf, Veranstaltungsort der CPD (jetzt CPD Signatures), und der Modewoche in Berlin beurteile. Der Vorwurf: In Berlin werde bloß gefeiert, das Geschäft aber weiterhin in am Rhein gemacht. Und Tillmann, gebürtige Düsseldorferin, antwortete ganz einleuchtend sinngemäß so: „Wir sind nun mal dezentral aufgestellt in Deutschland. Warum sollen denn nicht die [eventartige] Präsentation der Mode, nebst Partys, in Berlin stattfinden und die Order in Düsseldorf geschrieben werden?“ Ganz davon abgesehen, dass auch die vielzitierte Business-Übermacht der CPD mehr als bröckelt, wie die „Brand Eins”-Kollegen beschreiben.

Mentoring statt Verriss

Natürlich muss es Aufgabe der Presse bleiben, kritisch zu beurteilen, wie die Fashion Week Berlin organisiert wird, wie die Kollektionen ausfallen, wer vielleicht nicht nicht hätte zeigen sollen, wie es um das generelle Niveau bestellt ist. Es ist jedoch auch nicht der Job eines Journalisten wie die Herren Waldorf & Statler in der „Muppet Show” aus sicherer Logen-Entfernung zu motzen, sondern mit den Modemachern in einen konstruktiven Dialog via Druckzeichen oder Buchstaben-Pixel zu treten. Konstruktives Mentoring statt geschäftsschädigendem Verriss aus einer Laune heraus.

Werte „Spiegel”-Kollegin, kennen Sie eigentlich Melissa Drier? Wenn nicht, sollten Sie sie kennenlernen, denn Melissa, die auf Englisch für den Fachdienst WWD berichtet, ist unserer Meinung nach eine der besten Modejournalistinnen auf deutschem Boden. Sie fordert um zu fördern, begleitet die Designer das ganze Jahr über – und dass mit mehr Know-how und Wohlwollen, als vermutlich ihr ganzes Ressort „Mode“ aufbringen kann. Wenn die deutsche Modenation eine „Mutter“ hat, dann in ihr. Doch wir brauchen noch viel mehr Pflege-Mütter und -Väter, die mithelfen, dass sowohl der Nachwuchs wie auch etablierte und vor der Expansion stehende Designer und Label flügge werden und prosperieren.

Jetzt noch einmal weniger sentimental und für die Generation BWL formuliert: Der Modestandort Deutschland ist ein spannendes Start-up-Unternehmen. Wir brauchen Fleiss 24/7, Leidenschaft in jeder Pore – und venture capital von Menschen, die daran glauben.

Wer ist dabei?

Lesen Sie nach, wie die Diskussion begann

Foto(s): Mercedes-Benz Fashion Week Berlin/PR

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siems.luckwaldt

Siems Luckwaldt ist seit über 15 Jahren als Journalist und Redakteur tätig. Seine Themen: Interviews, Mode, Lifestyle u. Modernes Leben. Weitere Angebote: Corporate Publishing, Social Media Coaching, Blogs

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