Opulenz, Chefredakteurinnen und Profit: Siems Luckwaldt vs „Der Spiegel”, Teil 4

Michael Michalsky BERLIN FASHION WEEK FW11 01/21/2011

Zitat: Nur Hugo Boss hält Berlin die Treue – und der Designer Michael Michalsky, der bedingungslos an den Standort glaubt: “Die Stadt hat ein eigenständiges Profil, sie steht für Mode des 21. Jahrhunderts. Die Schauen in Paris und Mailand sind antiquiert. In Berlin geht es um Streetwear und Subkulturen.”

Genau. Es kann und darf in Berlin eben nicht um einen Abklatsch nach Pariser oder Mailänder Formel gehen. Deshalb ist das seit Jahren (auch von anderen Kollegen) gemauelte „Berlin ist nicht Paris/Mailand/New York“ auch so unerträglich, destruktiv, trotzkindisch. Was soll das denn heißen? Berlin soll so sein wie Mailand? Soll Armani an der Spree zeigen und dazu gibt es Prosecco und Parmesan vom Laib? Wäre dann alles gut?

Nein, meines Erachtens muss Berlin den Weg Londons gehen, wo man sich unbeirrt seine eigenen Modegrößen ausgebildet, unterstützt und schließlich beklatscht hat. Alexander McQueen, Gareth Pugh, Peter Pilotto … Nicht immer in Nachbars Garten schauen und über das Gras klagen, das dort so viel grüner aussieht. Nicht Gäste aus dem Ausland hinzukaufen, damit man sich besser fühlt. Einen eigenen Weg gehen, und zielstrebig und auch mit ein klein wenig gesundem Patriotismus, aka Selbstbewusstsein (nein, das heißt nicht „blind“!) verfolgen.

„Support your local dealer”

Für Friseure gab es ja mal die Plakatkampagne „Was Friseure können, können nur Friseure“, für kleine Läden aus der Umgebung gibt es „Support your local dealer“-T-Shirts und selbst Kaninchenzüchter haben ihre mächtigen Verbände. Uns fehlt einfach eine Mode-Lobby vom Schlage der CFDA in New York. Punkt. Ein Verband, prominent besetzt, der Deutschland immer wieder daran erinnert, dass es an uns selbst liegt, ob wir lieber alles einkaufen oder auch selbst kreieren und verkaufen wollen. Der uns außerdem gebetsmühlenartig klar macht, dass es nur Branchen wie (Mode-)Design und andere Kreativberufe sind, mit denen wir überhaupt noch eine Chance haben können auf dem Weltmarkt. Kreativität, das haben so viele Autoren in preisgekrönten Büchern geschrieben, das es eine Schande ist, dass Kreative immer noch gegen zig Windmühlen kämpfen müssen, ist nicht die Währung der Zukunft sondern längst schon der Gegenwart! Wake up, everyone!!

Zitat: Aber zu sub sollte es eben auch nicht werden. Aus der Not fehlender Top-Namen wollten die Berliner Veranstalter eine Tugend machen und sich als Schaufenster des lokalen Nachwuchses präsentieren. Die Folge: Opulenz verströmen in Berlin weder die Schauen noch die gezeigte Mode.

Ach, auf einmal geht es um Opulenz, um Glamour, um VIPs ud Goldbrokat. Ich verrate ihnen mal, was Sie schreiben würden, wenn es das alles in Berlin so gäbe. „Außer (Promi-)Spesen nicht gewesen. Berlin zelebriert den Pomp, von modischer Innovation keine Spur“. Sollte es jemals so kommen, dann können Sie mich gern zitieren. Kostenlos!

Zitat: Der neudeutsche Purismus hat handfeste Gründe: Die aktuellen Berliner Zeltmieten von 10 000 bis 20 000 Euro für 20 Minuten Laufsteg-Brimborium sind für junge Designer mittlerweile eine riskante Investition. Viele haben die vergangenen Rezessionsjahre finanziell nicht überlebt.

Aha, jetzt noch einmal den Stiletto-Absatz tief in die Wunden der Newcomer und mutigen Existenzgründer treten. Und, nur zur Info, die 20 000 Euro sind ein Schnäppchen gegen zwischen 500 000 und 1 Million Dollar in New York. Viel Geld, ja, aber trotzdem noch Discount in der Modewelt. Und das ist auch gut so.

Zitat: Statt Kleidung zu entwerfen, suchte Kerner nach Sponsoren und nahm Nebenjobs an. Mittlerweile hat er einen Investor gefunden. Nicht auf der Modewoche, sondern ganz zufällig. Ein Rechtsanwalt stieg bei ihm ein.

Und das ist schlimm, weil …? Und so fahrlässig formuliert, klingt, als müsste Kilian Kerner nachts am McDrive Fritten verkloppen. Und selbst wenn: Für einen Traum tut man alles, oder? Ich empfehle Ihnen als reality check diesen Film.

Zitat: Zwar profitiert die Mode nicht von der Stadt, aber die Stadt von der Mode.
[…]
Weil parallel zur Fashion Week zwei Modemessen stattfinden, rechnen Hotels mit 200 000 zusätzlichen Übernachtungen, Taxifahrer und Restaurants machen gute Umsätze. Die Berlin Tourismus Marketing GmbH schätzt die Mehreinnahmen auf 100 Millionen Euro.

Dazu einfach mal ein paar ergänzende Zahlen aus der „Brand Eins” (S. 120 bis 124), wenn’s recht ist: 600 bis 800 Modedesigner haben ihre Ateliers oder Firmensitze in der Stadt. 250 000 Besucher kommen in jeder Saison nach Berlin, um sich Mercedes-Benz Fashion Week, Premium, Bread & Butter sowie diverse (!) flankierende Showroom- und sonstige Mode-Veranstaltungen anzuschauen. Knapp 90 Millionen Euro bringt das Berlin im Jahr ein. Zahlen darüber hinaus? Schwierig. Die Berliner Modewoche ist eben keine Traktorenmessen, wo am Schluss einfach die georderten Maschinen gezählt werden müssen. Viele Order erfolgen im Anschluss in Showrooms, in anderen Städten etc.

Zitat: Doch für die Designer zählt vor allem, wer bei ihnen im Publikum sitzt – oder eben nicht. Top-Modejournalisten wie die US-“Vogue”-Chefin Anna Wintour fehlen. Wenn in der deutschen Hauptstadt junge Designer ihre Mode zeigen, bleiben selbst die Plätze für die hiesigen Chefredakteurinnen meist leer.

Bei wie vielen Shows waren Sie denn, Frau Kollegin? Und: Würden sie „hiesige Chefredakteurinnen“ überhaupt erkennen, wenn sie Ihnen gegenüber säßen? Als kleinen Gratis-Blick in die Kristallkugel der Mode-Medienzukunft würde ich dazu gern noch dies loswerden: Die vormals exklusive Welt der Modeberichterstattung ist mitten drin im radikalsten Wandel seit der Erfindung der Modenschau. Ob Blogger in der front row oder live streams für alle im Internet, der elitäre Zirkel, der Designer und ihre Werke beurteilt, kriegt weltweit täglich neue Gesellschaft und sollte es sich auf den Erste-Reihe-Polstern nicht zu bequem machen. Die Google-Gesellschaft bricht alte Kräfte- und Machtverhältnisse gerade schneller auf, als Sie „Fashion Week Berlin“ in die Suchmaschine tippen können.

Bald geschafft, hier kommt der Epilog …

Foto(s): Mercedes-Benz Fashion Week Berlin/PR

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siems.luckwaldt

Siems Luckwaldt ist seit über 15 Jahren als Journalist und Redakteur tätig. Seine Themen: Interviews, Mode, Lifestyle u. Modernes Leben. Weitere Angebote: Corporate Publishing, Social Media Coaching, Blogs

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