Der Realist: Interview mit Julian Neale, Creative Director von Rena Lange [Video]

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Das Highlight unseres Atelierbesuchs bei Rena Lange in einem bis auf das Gebäude des Firmensitzes recht trostlosen Industriegebietes im Norden von München, war unser Video-Interview mit Creative Director Julian Neale. Der sympathische Designer mit englisch-türkischen Wurzeln, Geburtsort Hongkong und Wohnsitz in Paris nahm sich trotz Kreativ-Meetings zur nächsten Kollektion viel Zeit für das Gespräch, in dem wir ihn zunächst nach seiner Perspektive zum seltsamen Verhältnis der Deutschen zur Mode befragten. Das Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz war im weiteren Verlauf ebenso Thema wie die Frau, die er beim Entwerfen für Rena Lange vor seinem inneren Auge hat – und die große Bedeutung von Musik für seine Arbeit und sein Leben. Wenn Sie außerdem noch wissen wollen, welche Band Neale und seine Mutter in der Küche zum Singen bringt, lesen Sie gleich weiter …

Julian Neale, unsere erste Frage ist gleich eine schwierige.

Oh Gott.

Wenn man die Klischees der Mode-Metropolen aufzählt, klingt das etwa so: Paris steht für die Haute Couture, London ist urban und edgy, Mailand ist zuweilen sehr futuristisch, liebt üppige Materialien und in New York geht es um den casual look und Kommerzialität. Doch wenn man beschreiben soll, wofür deutsche Mode steht, dann zögert und stottert man. Bauhaus fällt als Schlagwort, und dann war da ja noch Jil Sander … Schnell rettet sich jeder nach Berlin, zum subversiven Underground-Chic, zu den kunterbunten street styles. Verlockend klingt dieses Profil allerdings nicht gerade. Wie sehen Sie’s?

Ich würde dieser vagen Idee durchaus zustimmen. Aus dem einfachen Grund, dass die deutsche Mode noch recht jung ist. Ebenso wie das Konzept von Mode aus Deutschland. In Frankreich dagegen ist die Mode ein fester Bestandteil der Kultur. Steigt man in Paris während der Fashion Week in ein Taxi, kann es durchaus sein, dass sich der Taxifahrer über die neue Kollektion von Yves Saint Laurent auslässt. Die Menschen lieben ihre Mode. In Deutschland fehlt diese tiefe Verwurzelung noch. Hm, vielleicht sehe das auch nur ich so. Auf der anderen Seite macht diese noch recht leere Leinwand das Ganze auch sehr spannend. Die deutsche Mode kann sich noch in so viele unterschiedliche Richtungen entwickeln, sie hat noch so viel vor sich. Da sind die Möglichkeiten riesig.

Das größte Dilemma für die Mode und ihre Designer ist die seltsame Schizophrenie rundum das Thema Kunst und Kommerz. Vor allem in Deutschland, wo man die strikte Trennung zwischen Ernst und Unterhaltung erfunden zu haben scheint. Ist eine Kollektion zu nahbar und ein Verkaufserfolg, wird sie wegen geringem künstlerischen Wert geschmäht. Zeigt ein Designer l’art pour l’art muss er sich harsche Kritik gefallen lassen, weil niemand an die Verkaufbarkeit glaubt. Ein Meinungskrieg ohne Gewinner, oder?

Stimmt, diese Diskussion ist in der Tat endlos. Das Gute an unserem Business ist aber, dass es genügend Platz für alle gibt. Es gibt kein Falsch und kein Richtig. Es ist nicht wie beim Arzt, der strengen Vorschriften folgen muss und sollte. Unsere Industrie verändert sich ständig, jede Saison anders ist. Und Gott sei dank darf jeder frei seine Meinung äußern. Ich bewundere durchaus Designer, die ausschließlich zu ihrer künstlerischen Selbstverwirklichung Mode machen. Unser Ansatz ist anders – und kommerziell ist für mich übrigens überhaupt kein Schimpfwort. Ich liebe es, wenn Menschen meine Mode tragen, und dafür müssen sie sie nun mal kaufen wollen. So einfach ist das. Es gibt eine geschäftliche Seite und eine kreative – und beide sollen florieren.

Welche Designer, die mit ihrer Mode l‘art pour l‘art machen, gefallen Ihnen?

Meist sind es Newcomer, die ich gut finde. Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, als ich noch meine eigene Kollektion hatte. Es war großartig, ich konnte alles ausdrücken, was ich ganz persönlich an Mode liebte. Und glücklicherweise hat sich alles trotzdem gut verkauft. Je weiter man als Designer reift, in größere Firmen kommt, desto größer wird die Verantwortung. Und der Druck. Das alles fühlt man halt noch nicht, wenn man gerade die Modeschule beendet hat und ganz klein anfängt. Dann gehört die Welt noch dir. Ja, junge Designer sind in meinen Augen heute die kreativsten.

Als Sie anfingen, für Rena Lange zu arbeiten, hatten Sie da eigentlich eine genaue Vorstellung von der Marke, ihrer Historie, ihrer Sprache?

Mein Einstieg war ein schleichender. Ich wurde als Berater für ein kleineres Designprojekt hinzugezogen und nach und nach entwickelte sich das dann weiter. Dann wurde der Posten frei und ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das war deshalb so angenehm, weil ich so in die Rolle des Creative Directors hineinwachsen konnte. Ich wurde nicht sofort ins tiefe kalte Wasser geworfen. Es dauert einfach eine gewisse Zeit, ein Gefühl für eine Marke zu entwickeln, die Kollegen kennen zu lernen, die Unternehmenskultur zu verstehen. All das wird auch mit in die Kollektionen transportiert.

Was ist die Rena-Lange-Frau eigentlich für eine Person?

Ich mag das Wort klassisch, und auch konservativ finde ich keinen negativen Begriff. Sie weiß Qualität zu schätzen, sie kennt sich selbst gut und ihre Kleidung soll ihren Lebensstil unterstreichen. Für Henriette Günthert [sie legte die Grundsteine für das heutige Unternehmen] ging es immer darum, diese Frau für alle Anlässe des Tages und Abends einzukleiden. Elegant gekleidet zu sein bedeutet unserer Kundin einfach etwas, und ich hoffe, sie merkt, dass wir ihr genau das geben wollen. Das wir sie und ihre Bedürfnisse respektieren und bei unserer Arbeit nur an sie denken.

Sie haben einmal gesagt, als Sie bei Rena Lange anfingen, hätten Sie gern mehr DNA zur Verfügung gehabt.

Ich meinte damit, dass es leider kein großes Archiv gibt, in dem man stöbern könnte. So schlimm war das aber gar nicht. Statt meiner Augen, die über Entwürfe aus der Vergangenheit gewandert wären, habe ich mein Einfühlungsvermögen benutzt, meine Emotionen. Und was meine Antennen empfingen, dann in Mode übersetzt. Das macht unsere Kollektionen, glaube ich, auch so zeitgemäß und aktuell. Wir können nichts von Gestern wieder aufwärmen, es gibt keine alten Schatzkisten irgendwo. Uns geht es darum, den Geist des Unternehmens – Eleganz, guter Geschmack, exzellente Qualität – für die Gegenwart neu zu interpretieren. Henriette Günthert und auch ihre Tochter Renate [die Mutter des jetzigen Firmenchefs Daniel Günthert] standen für echte, reale Kleidung, sie wollten eine wirkliche Frau elegant anziehen. Und dieser Attitüde sind wir treu. Was sie zu Lebzeiten entwarfen, war richtig für damals. Und wir hoffen sehr, dass was wir tun, richtig für unsere heutige Kundin ist.

Sie sind bei Jobantritt nicht fest nach München gezogen. Wie viele Tage im Monat sind Sie hier?

Das kommt ganz darauf an. Wenn es hoch hergeht, bin ich full-time hier. Und wenn wir eine dieser sehr seltenen ruhigeren Phasen haben, dann bin ich in Paris.

War Ihnen das wichtig, den Rückzugsort Paris zu behalten?

Sehr!

Weil Paris in Ihrem Leben eine so wichtige Rolle spielt oder weil Sie eine gewisse Distanz brauchen?

Ich glaube, alle Designer sind Freiheitsfanatiker, die es schwer ertragen können, zu lange in die gleiche Umgebung gesperrt zu sein. Das nimmt einem Kreativen rasch die Luft zum Atmen. Ich für mich kann sagen, dass ich das Pendeln gesund finde. Ohne zu reisen gehen einem unter Umständen auch schnell die Ideen aus.

Bringen Sie Ihr Paris in die Kollektionen bei Rena Lange ein?

Nein, nicht wirklich. Paris macht mich einfach glücklich. Ich liebe es, dort zu leben. Ich komme nach München um zu arbeiten und fliege nach Paris, um zu leben. Natürlich inspiriert mich Paris als Stadt, ich würde aber nicht sagen, dass ich deshalb in meiner Arbeit französischer werde oder die Kollektion eine Priese Paris bekommt. Man muss schon respektieren, dass man in Deutschland zusammen mit Deutschen für eine deutsche Marke arbeitet. Für mich persönlich ist das auch sehr interessant, weil ich die Sprache nicht spreche. Ich fühle ich mich so durch, ohne genaue Ahnung davon, was jemand zu mir sagt.

Später erzählt uns Julian Neale, dass er manchmal an einem freien Wochenende in Paris einfach in die Metro steige und in einer ihm fremden Gegend wieder aus. Denn: „Ein kleines Café gibt es überall, in dem man seine Zeitung lesen und die Leute beobachten kann.” Wenn er morgens in seinem Lieblingscafé sitze, könne es beispielsweise gut sein, dass in der Transvestiten-Disko gegenüber gerade erst die Partynacht ende und die extrem extravaganten ‚Ladys‘ beim Verlassen des Clubs auf eine Rentnerin treffen, die gerade ihren Pudel Gassi führt. Beide Seiten akzeptieren sich und machen keine große Sache aus ihrer Unterschiedlichkeit. Diese spannende Co-Existenz ist nur einer der vielen Gründe, warum Neale sein Leben in Paris so liebt.

Wo wir gerade dabei sind: Wie ist die Arbeit mit Deutschen so? Gute Seiten, schlechte Seiten …

Nur gute! Die Deutschen arbeiten hart, sind engagiert, loyal und gut organisiert. Was will man mehr? In unserer verrückten Branche geht es ständig darum, Probleme zu lösen. Im 5-Minuten-Takt. Das gefällt mir diese kontrollierte Arbeitsweise sehr. Alles wird gut, keine Panik … Dagegen ist es in Italien völlig normal, dass man gelegentlich einen Highheel durch den Raum schmeißt und einen kleinen Ausraster hat. In Deutschland bleibt man cool.

Aber es muss doch Merkwürdigkeiten geben, die Ihnen auffallen.

Nein, nicht wirklich. Wie gesagt, ich spreche die Sprache nicht. Keine Ahnung, was vielleicht hinter meinem Rücken abläuft.

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Was wir bei Nahtlos! an Ihrer Arbeit für Rena Lane und den bisher gezeigten Laufsteg-Shows in Berlin so lieben, sind die prägnanten Bilder und Themen, die Ihre Kollektionen wie ein roter Faden durchziehen.

Ich würde mich als Realist bezeichnen – und so arbeite ich auch. Mich inspirieren handfeste Dinge, die Menschen in ihrem Leben berühren. Die letzte Kollektion hatte Lou Reed und Musik im allgemeinen zum Aufhänger. Ein Mädchen [Nico] trifft im New Yorker East Village diesen Typen [Lou Reed] auf der Straße. Es regnet und er begleitet sie nach Hause. Diese Emotion übersetzt man dann in Mode, und zwar so, dass das Publikum bei der Show genau dieses Gefühl erahnt.

Haben Sie manchmal auch ganz verrückte Pläne für ein Defilee?

Hm. Also die letzten zwei Shows waren recht melancholisch. Es könnte also gut sein, dass es beim nächsten Mal fröhlicher und etwas sexier zugeht. Man kann natürlich nicht die gleiche Story immer wieder erzählen, aber man kann sehr wohl eine andere Geschichte mit dem gleichen Repertoire an klassischer Garderobe erzählen. Es wird immer ein langes Strickkleid geben, immer einen Hosenanzug, immer das perfekte Kleine Schwarze. Diese Zutaten kann man jede Saison neu erfinden, und dann erzählen sie auch jedes Mal eine andere Geschichte. Das Kleine Schwarze könnte also next time kürzer, die Hosen vielleicht enger sein.

Die Musik ist nicht nur Inspiration für diese Kollektion gewesen, sondern ein wichtiger Teil Ihres Lebens, richtig?

Ich bin ein richtiger Nostalgiker. Die Menschen werden ja vor allem von ihren Sinnen beeinflusst. Und ich habe ein extrem gutes Gedächtnis für Musik. Wenn ich einen Song höre, weiß ich genau, wie es mir ging, als ich ihn zum ersten Mal hörte, was ich fühlte, wo ich war. Ich glaube außerdem, dass Musik einfach niemanden auf der Welt kalt lässt. Sie berührt viel stärker als es die Mode kann. Ich war kürzlich auf einem U2-Konzert. Und da waren diese 100 000 Menschen, und jeder einzelne wird von dieser Rockgruppe emotional stimuliert. Eine unglaubliche Kraft ist das. Kein Wunder, dass Musik für Modenschauen so wichtig ist, denn sie sorgt für die richtige Stimmung. Und wenn das Publikum in der richtigen Stimmung ist, dann versteht es auch die Mode.

Ist Rock Ihr liebstes Genre?

Ich mag guten 70s Rock, aber auch den Folk der Sechziger. Und ich höre Klassik. Wie klasse wäre es bitte, eine Show mit klassischer Musik zu machen?!

Wie sieht Ihre perfekte Playlist für einen Sonntag daheim aus?

Das kommt darauf an, wo in der Welt ich mich gerade befinde. Aber wenn es ein grauer Paris-Sonntag ist, im Winter, dann würde ich den Tag definitiv mit Klassik beginnen. Vielleicht mit der wundervollen Oper „Ariodante” von Händel. Und einer guten Tasse Tee.

Und abends?

Fleetwood Mac. Ich bin ein riesiger Fleetwood-Mac-Fan, die Musik dieser Band macht mir immer gute Laune. Neulich stand ich mit meiner Mutter in der Küche. Ich legte Fleetwood Mac auf und sie erinnerte sich sofort daran, wie wir, als ich klein war, im Auto oft diese Songs gehört und mitgesungen haben. Und da waren wir, 30 Jahre später, in der Küche, und sangen wieder lauthals mit. Den gleichen Song. Das war einfach toll und hat mich irre glücklich gemacht. Ich meine, wie cool ist das?

Julian Neale, vielen Dank für dieses Gespräch.

Sehen Sie in der Galerie zu unserem Atelierbesuch Schritt für Schritt wie eine Rena-Lange-Kollektion entsteht

Veröffentlicht von

Siems Luckwaldt

Siems Luckwaldt ist seit über 20 Jahren als Journalist und Redakteur tätig. Seine Themen: Interviews, Mode, Lifestyle, Uhren, Modernes Leben. Weitere Angebote: Corporate Publishing, Social Media Storytelling, Podcasts