Interview mit Wolfgang Joop, Teil 4: Heimat & Melancholie

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Mit Modekollektionen ist es so: das Kind ist noch nicht groß und schon muss man das nächste gebären. Man zeigt seine Sommerentwürfe und sucht Tags darauf Stoffe für den nächsten Winter aus. Das ist wirklich schwer, denn man sieht die Dinge ja nicht sofort, die man im Kopf hat. Sie entstehen langsam, in der Realisation der Vision. Bevor ich mit Wunderkind nach Paris ging und den einzig richtigen Platz für meine Kollektionen fand, zeigten wir die Wunderkind-Kollektion noch in New York, weil ich dachte „Der Platz ist Dir vertraut“. Bis ich irgendwann merkte, dass mir die Stadt vertraut und gleichzeitig zu weit weg war von Potsdam. Ich sah nichts, nichts entstehen, ich sah es einfach nicht. Und die Angst wurde immer größer, und die Frage immer lauter: Wieso mache ich das eigentlich?

Nun lebe ich an einem See, gegenüber ist ein Schloss. Sich damit zu beschäftigen, wie man an die andere Seite kommt, im übertragenen Sinne, das ist spannend. Und zu überlegen – wie es Woody Allen in „Match Point“ anschaulich macht – wie weit gehe ich, um mich zu retten, meinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Ich weiß noch genau, nach dem Film wusste ich kaum noch wie ich den Mantel anziehen sollte, als ich aus dem Kino kam.

Am nächsten Tag ging ich dann in die Ausstellung eines Kollegen, da standen drei Sätze an der Wand: „Es gibt Menschen, die denken. Es gibt Menschen, die denken zu Ende. Und es gibt Menschen, die denken das Unmögliche.“ Scheinbar Unmögliches zu denken … da wurde mir schlagartig klar, dass niemand, der zu neuen Ufern aufbricht, weiß ob und wann er ankommt. Aber Gott sei Dank gibt es die, die es trotzdem tun. Sonst wären wir immer am gleichen Ort geblieben. Echte Freigeister eben, von denen manche sich konkrete Gründe zur Innovation oder Revolution suchen, andere von ihrem Glauben angetrieben werden. Für mich hängt aber sehr viel von Bildern ab, die uns die Kunst liefert und zur Erkenntnis beitragen, „Es muss sich was ändern“.

In diesem Kontext finde ich wichtig zu erwähnen, dass die Melancholie als Gefühlszustand in der Aufklärung, im späten 18. Jahrhundert durchaus nichts Negatives war, oft sozusagen der Ursprung eines Freigeistes. In der heutigen Zeit, wo alles steril und stark und prosperierend sein muss, wird Melancholie mit Depression gleichgesetzt und unterdrückt. Dabei ist Melancholie, ein nachdenkliches Innehalten, ein ganz normaler Zustand. Ja, fast ein Privileg, sich die Freiheit zu nehmen, die Tiefe eines Augenblickes zu spüren, die Einsamkeit, und dann die Kraft zu haben, nicht ins Düstere abzugleiten, sondern mit neuer Klarheit am anderen Ufer anzukommen.

Freiheit, das ist ohnehin ein ganz philosophischer Begriff. Mit der muss man auch umgehen können, mit der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung.

Zum Begriff Heimat muss ich noch etwas hinzufügen: Ich fand in meiner Zeit in New York spannend an mir selbst zu erleben, wie stark ich meine eigene Persönlichkeit bewahren kann, meine ethnischen, meine Stammeswurzeln, damit ich nicht in der fremden Kultur nicht untergehe. In meiner Fantasie bestanden meine Heimatbilder aus meinen Großeltern, dem Hof mit den Tieren, einer intakten Nachkriegsgesellschaft, die aus erlittenem Mangel unablässig produzierte. In unserer jetzigen, grenzenlosen Welt kannst du überhaupt nur mit deiner eigenen, geschärften Identität noch erkannt werden – und dann auch eine Marke werden. Heimat finde ich heute in meinem Team und in meiner Arbeit.

Foto(s): PR

Veröffentlicht von

Siems Luckwaldt

Siems Luckwaldt ist seit über 20 Jahren als Journalist und Redakteur tätig. Seine Themen: Interviews, Mode, Lifestyle, Uhren, Modernes Leben. Weitere Angebote: Corporate Publishing, Social Media Storytelling, Podcasts