Monat: August 2011
„I do a really great show!”: Nahtlos! Interview mit Designerin Anna Sui
Für eine ganze Woche war Modedesignerin Anna Sui, deren Imperium längst auch die Konsumwelten jenseits der Kleiderstange umfasst – ob Handys für Samsung, Plastikpüppchen für Colette oder Parfum – nach Deutschland gekommen. Grund der ausgedehnten road show: die Lancierung ihres jüngsten Duftes, „Flight of Fancy”, der exklusiv bei Douglas erhältlich ist. Doch statt von Stadt zu Stadt zu jetten, jeweils die gleiche PowerPoint-Präsentation durchlaufen zu lassen und für Fotos zur Verfügung zu stehen, tourte Anna Sui (46) mit einer Art Fashion Master Class durch die Standorte der Modeschule Esmod.
Auch in München konnten einige Studenten der Abschlussklasse einen Look ihrer Kollektion sowie ihre Skizzen und Bildwelten präsentieren – und erhielten Feedback von Sui persönlich. Als Fan von Suis originellem Stil-Remix, von der Suzy-Wong-Ästhetik à la Shanghai in den 20er Jahren bis zum zickigen „Gossip Girl”-Look, war es mir ein Fest, der bereits mit einem Lebenswerk-Preis ausgezeichneten Designerin im Anschluss einige Fragen stellen zu können.
Ihr Unternehmen wächst stetig, Sie involvieren sich in so viele unterschiedliche Projekte – würden Sie sich immer noch „nur” als Designerin beschreiben oder sind Sie längst Unternehmerin geworden.
Ich bin tief im Herzen immer noch Designerin, und das wird auch so bleiben. Mein Talent ist die kreative Arbeit und der versuche ich auch so viel Zeit wie möglich zu widmen. Ich bin nicht wirklich eine business woman oder Firmenlenkerin. Ich bin Designerin.
Zu den Studenten der Esmod München haben Sie gerade gesagt, sie sollten jede Sekunde ihrer Ausbildung zum Ausprobieren, Träumen, Experimentieren, „Rumspinnen” nutzen, denn die, oft restriktive Wirklichkeit des Modegeschäfts käme noch früh genug. Das klang fasst wehmütig …
Na klar. Denn genau das passiert. Vor allem, wenn man zunächst für ein Modehaus, jemand anderen, arbeitet, stehen deren Bedürfnisse im Vordergrund. Dann muss man sich darauf konzentrieren, was diese Marke braucht und wie man eine verkaufbare Kollektion für sie kreiert. Da wird die eigene Arbeit rasch kommerziell. Umso wichtiger ist es für junge Designer, sich im Studium nach Herzenslust auszudrücken, quasi ihr Inneres auszuschütten, um aufnahmefähig zu werden. Als professioneller Designer, vielleicht mit eigenem Label, geht es später eben um mehr als Selbstverwirklichung, es ist commercial art, man entwirft für einen Kunden. Und trägt Verantwortung für Angestellte.
Haben Sie sich trotz allen Zwängen des Geschäftes einen kreativen Fluchtpunkt erhalten können? Wo und wie brechen Sie aus?
In meinen Modenschauen! Da balanciere ich alles aus – was ich will und was Kunden wollen. Ich baue immer wieder Looks ein, wo einige im Publikum sagen „Ich kann nicht glauben, dass Sie DAS über den Laufsteg schickt!”. Das sind die Stücke, die ich selbst brauche, damit meine Arbeit den Stress wert ist.
Die Welt der Parfums und der Modekosmos nähern sich immer stärker an, manche Marken haben nur als Duft überlebt. Wie sehen Sie diese lukrative Symbiose zwischen Textilien und Aromen?
Ich glaube, es gibt keinen Designer, der nicht ein eigenes Parfum zum Ziel hat. Die Schwierigkeit besteht darin, die ästhetische Welt eines Modeschöpfers mit einem Duft zu interpretieren. Ich finde nämlich, dass so ein Duft den Käufer genauso mitreissen muss, wie es eine Fashion Show kann. Für mich geht es hier wie da um etwas Märchenhaftes, Fantastisches, um ein Ideal, das dem Publikum oder Parfümkäufer als sehr erstrebenswert erscheint. Was ich an Parfüms mag, ist, dass sie meine Ideen noch viel weiter tragen, zu mehr Menschen, als es meine Kollektionen können. Denn, sein wir ehrlich, manchmal ist das eigene Budget eben nicht so üppig, als dass man sich gerade ein Babydoll-Kleid von Anna Sui leisten könnte. Da schlägt dann die Stunde meiner Düfte.
In den letzten Tagen war in der New Yorker Lokalpresse zu lesen, Sie wären still und heimlich zur Immobilien-Queen avanciert. Was ist dran?
Das ist total übertrieben. Ich habe einfach nur die Angewohnheit, Nachbarn zu bitten, mir Bescheid zu geben, wenn sie ausziehen …
Stichwort Demokratisierung der Mode: Vor zwei Jahren entwarfen Sie für und mit der Supermarktkette Target eine Kollektion, jetzt wurde bekannt, dass Missoni im Herbst ebenfalls für Target designen wird, von den Projekten, die H&M mit den Größen der Branche realisiert ganz zu schweigen. Ist der Flirt der Premium-Marken mit der Discounter-Theke nicht riskant?
Für mich ist die Zugänglichkeit meiner Kreationen immer schon das Wichtigste gewesen. Als ich mein Unternehmen gründete, ging es mir nie darum, im Elfenbeinturm der Couture zu thronen. Ich wollte keine übertriebenen Hürden zwischen Kunden und unserer Marke. Die Zusammenarbeit mit Target hat die Schwelle natürlich so weit gesenkt, wie wir es nie allein könnten. Und das Target-Team, dass die Stoffe einkauft und meine Ideen umgesetzt hat, war einfach großartig.
Sie waren also richtig in charge, haben den Prozess aktiv begleitet und nicht bloß ihren Namen verkauft.
Schauen Sie sich doch einfach die Kollektion an, die 2009 in die Läden kam!
Die Modewelt erlebt gerade einen riesigen Innovationsschub: Kaum mehr eine runway show, die nicht live ins Internet übertragen wird, es wird getwittert, gefacebooked und alles in Echtzeit. Wie lange kann das Live-Erlebnis einer Modenschau da noch überleben?
Nichts wird jemals die Eindrücke und die Atmosphäre ersetzen, die man fühlt, wenn man direkt am Laufsteg sitzt. Sie sehen die Schnitte durch Ihre Augen, nicht durch ein Kameraobjektiv. Sie hören die Stoffe rascheln. Sie fühlen die Bässe der Musik. Die Elektrizität in der Location, die transportiert sich einfach nicht über ein Video. Ich habe mir schon einige live streams von Kollegen angesehen und immer gedacht „Das war’s?”, während mit Bekannte, die dort waren, so von der Energie usw. vorgeschwärmt hatten.
Ein Live-Event ist aber auch eine Frage des Geldes. Nicht jeder hat die 100 000 oder mehr Euro, die so ein Model-Spektakel verschlingt …
Sicher, es gibt Designer, die sich auch ohne Laufsteg ausdrücken können. Und für Newcomer. Was mich betrifft, kann ich dazu aber nur sagen: Ich biete eine verdammt gute Show!
Diese Frage ist etwas ernster, aber in diesem Jahr muss man sie einfach stellen, gerade einer Wahl-New-Yorkerin wie Ihnen. Wenn im September im Lincoln Center die New York Fashion Show stattfindet, sind die Schrecken des 11. Septembers 2001 genau zehn Jahre her. Was für Gedanken gehen Ihnen dazu durch den Kopf?
Ich denke in jedem Jahr an damals, wenn 9/11 näher rückt. Denn: Die Katastrophe ereilte Manhattan einen Tag vor meiner Modenschau. Und ich war in meinem Atelier mit den letzten Anproben beschäftigt, als jemand etwas von einem Flugzeugabsturz murmelte. Ich war aber so in meine Arbeit vertieft, dass ich es nur beiläufig wahrnahm. Dann rief mich ein Freund an und fragte „Was machst du noch in deinem Büro?”. Ich wusste noch gar nicht, was los war. Dann holte mich die Wirklichkeit ein – und man weiß plötzlich, was Priorität hat. Ich habe zu meinen Angestellten gesagt, dass sie erstmal einfach im Studio bleiben sollten, das wäre sicherer. Was stimmte, denn es war zunächst schier unmöglich, per Subway oder Bus irgendwohin zu kommen. So konnten alle sich ein klein wenig sammeln und später die Not-Busse nehmen, die über die Brücken in die anderen Stadtteile fuhren.
Letzte Frage: Ich weiß, Sie machen keine Männermode mehr, aber gibt es in einer Schublade Pläne für ein Männer-Parfum?
Früher präsentierten Rockstars meine Entwürfe für Männer auf dem Catwalk – und ich habe immer noch einige Herren als Privatkunden. Deshalb sprechen mein Team und ich oft über einen Duft for men, auch in den letzten Tagen wieder. Ich glaube aber, dass ich unbedingt eine Männerkollektion bräuchte, um ein solches Parfüm-Projekt zu unterstützen. Hm, wer weiß, vielleicht kommt es einmal dazu …
Anna Suis neuer Damenduft „Flight of Fancy”, den Nahtlos! Leser bereits in unserem Oster-Gewinnspiel gewinnen konnten, ist in Deutschland exklusiv bei Douglas erhältlich. Der Preis: 30 ml kosten 29,95 Euro, es sind auch 50 bzw. 100 ml erhältlich.
P.S. Hier noch ein Video, in dem sich Anna Sui und Marc Jacobs bei ihrem Lieblingsitaliener unterhalten. Über die wilden 90er und wie es ist, bereits für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden zu sein:
HÖRTIPP:
Lernen Sie Designer, Fotografen, Künstler und Kreative in spannenden Podcast-Interviews kennen: Nahtlos! Das Lifestyle Podcast
Interview: Die Schmuckdesignerin Saskia Diez
Saskia Diez, warum treffen wir uns hier, im diesem Eiscafé am Röcklplatz?
Mein Mann Stefan und ich essen hier öfter Eis und trinken in Ruhe Kaffee, während die Kinder auf dem Spielplatz gegenüber toben. Super-Kaffee und Super-Eis.
Zu Ihrem Schmuck. Der ist sehr zart, fast wirkt er zu fragil für eine (Medien-)Welt, die von harten Wirtschaftszahlen, schwelenden Krisenherden und Umweltkatastrophen bestimmt scheint. Wie viel Platz bleibt in diesem Klima für Kettchen, schmale Ohrhänger und Ringe, die wie Fäden wirken?
Zartheit ist extrem wichtig, gerade jetzt, und dass man die Schönheit nicht aus dem Auge verliert. Die vielen schlechten Nachrichten, da ist irgendwie das richtige Maß verloren gegangen. Ich habe das Gefühl, dass kleinere, speziellere Künste und Kollektionen jetzt wieder mehr Chancen haben, und all jene, die gewohnt waren, zu den Großen zu gehören, schwerer mit der Krise kämpfen müssen.
Auch der Markt für Schmuck ist hartumkämpft. Was ist Ihre Strategie, um sich durchzusetzen?
Ich versuche, Qualität zu bieten, und konzentriere mich auf Sachen, die mir persönlich ans Herz wachsen. Und ich mache die Erfahrung, dass dieser Ansatz richtig ist. Ich bekomme viel positives Feedback – und meine Firma wächst sehr stark. Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass ich ernst genommen werde, für das, was ich mache. Das Business-Model, bei dem man vor allem für einen großen Namen zahlt, jedoch schon lange nicht mehr das kriegt, was man erwartet – und verlangen dürfte – das hat sich in meinen Augen überholt. Kaum jemand ist mehr bereit, viel Geld auszugeben, wenn das eigentliche Produkt sich rasch abnutzt. Ich stecke das Geld lieber in meine Produkte! Ich habe mit meinem Schmuck ein gutes Preisniveau gefunden: erschwinglich, aber kein Modeschmuck-Schnickschnack, den man wegschmeißt, wenn die Saison vorbei ist. Und trotzdem keine riesige Investition wie etwa Brillantringe.
Mit 2010 sei das „Jahrzehnt der Frauen“ angebrochen, wurde kürzlich verkündet: Was sind die besonderen Qualitäten von Frauen, mit denen sie die Zukunft erobern werden?
Zähigkeit! Und ein gesundes Selbstbewusstsein. Man muss damit leben können, anfangs nicht ernst genommen zu werden. Und gleichzetig sollte man nicht auf die eigene Femininität verzichten, das halte ich für einen großen Fehler vieler Karrierefrauen. Sich dauerhaft zu verstellen und gezielt auf einen wichtigen Wesensbestandteil zu verzichten – damit tut man sich nichts Gutes.
Woher kommt Ihre Liebe zu natürlichen Materialien?
Das hat mit meiner Ausbildung als Goldschmiedin und Industriedesignerin zu tun, da hat man geradezu einen Material-Fetisch. Oft ist ein Material, das mir gefällt, der Ausgangspunkt für ein Schmuckstück. Ehrlichkeit, das ist vielleicht ein blödes Wort für ein Produkt, aber Echtheit – das trifft es vielleicht besser – die ist mir sehr wichtig!
Sie eifern keinem Modetrend nach, große Acrylketten oder ähnliche fashion pieces sind von Saskia Diez nicht zu erwarten, oder?
Es ist schwierig Dinge per se auszuschließen. Ich habe auch größere Schmuckstücke im Repertoire, ich arbeite aber immer materialgerecht. Die Kugeln meiner Holzketten beispielsweise sind ziemlich groß, das entspricht aber auch dem Ursprung des Materials. Was ich nicht mag sind falsche Materialien, die so tun als wären sie etwas, was sie nicht sind. Bedampftes Plastik, das wie Metall aussieht – was für eine Enttäuschung in der Haptik. Wenn etwas aussieht wie Metall soll es auch so viel wiegen, diese Schlüssigkeit, darum geht es mir in meiner Arbeit.
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Wie viel Schmuck ist genug?
Heute trage ich sehr viel, manchmal, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin, auch mal nichts. Mir geht es um Ausgewogenheit: viele Armreifen und sonst nichts, oder auffällige Ohrringe und dann höchstens noch etwas Dezentes am Arm. Unterschiedliche Stücke zusammen zu tragen, das kann gut aussehen. Viele Schmuckträger wirken auf mich aber meist, als hätte jemand einfach vergessen, die Hälfte runter zu nehmen.
Schmuck und Männer – was ist das Problem?
Dass viele Hetero-Männer Angst haben, Schmuck sieht gleich schwul aus. Ich finde, wenn es zu jemandem passt, ist doch alles wunderbar. Und wenn ein Mann sich mit Schmuck einfach unwohl fühlt, ist das auch OK. Da es so einen Umweg, so eine gedankliche Hürde zu überwinden gibt, empfinde ich es als Auszeichnung für mich, wenn Männer bei mir kaufen. Eines meiner Unisex-Armkettchen oder die Holz- und Diamantarmbänder.
Mit Ihrem Mann, einem Industriedesigner, haben Sie eine Taschenkollektion aus strapazierfähigem Papier entwickelt. Wie war die Zusammenarbeit als Paar?
Die klappt gut, wir haben auch früher schon gemeinsam an Projekten gearbeitet. Schmuck für einen Juwelier in Frankfurt, und ich bin auch häufig bei Stefans Arbeiten dabei. Die Idee für die Taschen entstand vor ein paar Jahren, doch die Firma, der wir das damals vorschlugen, war dafür nicht bereit. Also haben wir sie schließlich für mich entwickelt. Manchmal sitzen wir wirklich an einem Tisch zusammen, denken Sachen aus und skizzieren. Aber generell arbeitet, aber generell arbeitet erst jeder für sich und man spielt sich ab einem bestimmten Stand die Dinge zu und der andere macht weiter. Streit gibt es kaum. Bei den Taschen waren wir uns immer sehr einig. Die werden jetzt ein fester Bestandteil meiner Kollektion, mit den Oberflächen und Farben werden wir aber noch weiter experimentieren. Wir planen zum Beispiel eine neue Taschenserie aus einem nachwachsenden Verbundstoff. Das werden richtige Hartschalen-Objekte. Das Grundmaterial sind verpresste Hanfplatten, quasi ein Ökokunststoff, den man von außen gar nicht als solchen wahrnimmt. Auch diese Serie werden wir mehr oder weniger zusammen entwickeln – aber es muss zu meinem Label passen.
Und was genau ist „Noble Project“?
Das ist ein großartiges soziales Projekt aus Hamburg, das von Unicef unterstützt wird und auf soziale Ungleichheit weltweit aufmerksam machen will. In einem modischen, einem Design-Kontext. Ich habe ein T-Shirt für die gestaltet, aus fair gehandelter Baumwolle, ökologisch korrekt in Deutschland bedruckt – und für jedes verkaufte Shirt geht ein Betrag an Schulen in Afrika. Eine gute Geschichte, wie ich finde, denn allein wäre ich gar nicht in der Lage, so viel zu spenden. Und indirekt nun schon.
Stichwort Charity: ändert sich da gerade etwas im Bewusstsein vieler Leute?
Ich glaube schon, man will diesen ganzen Horrormeldungen momentan einfach etwas Positives entgegensetzen. Seit ein paar Jahren bemerke ich das auch in unserem Freundeskreis, wo alle zwischen Anfang und Ende 30 sind. Wer aus dem Gröbsten raus ist, sich etwas Tragfähiges aufgebaut hat, der tritt mit einer gewissen Freiheit einen Schritt zurück. Viele bekommen Kinder, und dann kommt das automatisch, dass man auch etwas abgeben will. Wir kennen viel, die Patenschaften übernehmen, weil die Politik das eh nicht alle auffangen kann. Für einen wirklich guten Zweck habe ich auch schon mal ein Schmuckstück zur Verfügung gestellt. Auch kleine Beiträge bewirken etwas, und das sehen immer mehr Menschen ein. ♠ Interview: Matthias Hinz; Fotos: Verena Gremmer (2), www.verenagremmer.com
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