Interview: Humiecki & Graef

Avantgarde und Tradition vereint: Humiecki & Graef.

http://www.humieckiandgraef.com/

Uremotionen – das Konzept.

Alle Düfte von Humiecki & Graef sind menschlichen Grundgefühlen gewidmet, Uremotionen. Denn: Düfte sind viel mehr als bloße Parfums – Düfte sind wie Gefühle. Sie erzählen Geschichten, vermitteln Emotionen.

So zumindest sehen dies Sebastian Fischenich und Tobias Müksch, die beiden in Köln ansässigen Kommunikationsdesigner und kreativen Köpfe hinter Humiecki & Graef. Beide waren bereits für etliche internationale Mode- und Kosmetiklabels wie zum Beispiel Clarins, Lancaster, Lacroix, IFF und andere tätig, bevor sie dann in Mükschs Kölner Agentur Bel epok, in der Fischenich als Creative Director anheuerte, aufeinandertrafen und 2007 ihr Label Humiecki & Graef ins Leben riefen.

Als Gegenpol zu einer immer komplexer und komplizierter werdenden Welt stellt ihre Duftkollektion eine Reduktion dar: Jeder Duft, reduziert auf ein zugrundeliegendes Gefühl, eine menschliche Grundverfassung, eine Verfasstheit des Seins. Und: Insofern, durch diesen Fokus, auch: Eine Intensivierung.

Ahnen – die Hommage.

Fischenich und Müksch wollen mit ihren Düften das Leben reflektieren, Erinnerungen wecken – Erinnerungen an besondere Augenblicke, an Geschichten und Gefühle.

So ist es nur folgerichtig, daß ihr Konzept nicht nur durchdrungen ist von ihrer Idee, sondern auch von einem persönlichen Stück Geschichte der beiden: Das Label stellt eine Hommage an ihre Großmütter Helena Humiecka z Humicina und Katharina Graef dar, deren Namen es auch trägt.

Fischenich und Müksch eint nämlich eine tiefe innige Beziehung zu den bereits verstorbenen Damen. Nicht nur, dass diese deren Duftbiografien prägten – so erinnert sich beispielsweise Fischenich deutlich an die Gerüche im großmütterlichen Garten. Darüberhinaus waren die beiden für ihre Zeit sehr fortschrittlichen und selbständigen Frauen für ihre Enkel ein Quell der Liebe und Zuneigung, der Sicherheit und des Wissens, was Fischenich und Müksch nach eigenem Bekunden zu Selbstbewusstsein, einem positiven Glauben an die Zukunft sowie der Courage, das eigene Leben anzupacken verhalf. Insofern zollt die Duftkollektion diesen beiden bemerkenswerten Damen und deren ereignisreichen Leben Tribut.

Ästhetik und Inhalt – die Düfte.

Für die olfaktorische Umsetzung ihrer Idee(n) konnten Fischenich und Müksch niemand geringeres gewinnen als Christophe Laudamiel. Laudamiel gilt als eine der visionärsten Nasen in der Branche, ist ein Enfant Terrible im Bereich der zeitgenössischen Parfumeurskunst. Der Exzentriker hat ohnehin ein Herz für Ungewöhnliches, kreierte bereits die Düfte für Mugler zu der Verfilmung von Süskinds „Das Parfum“ – insofern war das Projekt Humiecki & Graef für ihn ebenfalls eine willkommene Herausforderung: Im Gegensatz zu normalen Vorgaben, die er im Rahmen seiner Arbeit als IFF-Parfumeur gewohnt sein dürfte, brieften ihn Fischenich und Müksch vor allem mündlich und mithilfe von Bildern und Collagen, um exakt die Stimmungen und Emotionen einzufangen, die die Düfte hernach präsentieren sollten.

Laudamiel ließ sich mit Herz, Hirn, Haut und Haaren auf das Projekt ein und entwarf für die Düfte etwas ganz Besonderes: Im Gegensatz zur klassischen Pyramidenstruktur mit dementsprechendem Duftverlauf – angefangen von der schnell verfliegenden Kopfnote über die Herznote bis zur den Duft tragenden Basisnote – sind die Düfte von einem architektonisch einem Stern nachempfundenen Duftaufbau geprägt. Dieser soll es den Einzelnoten ermöglichen, sich differenziert zu entwickeln um dem Duft einen harmonischen Verlauf zu verschaffen, in welchem einzelne Ingredienzen nicht in der Masse untergehen. Darüberhinaus greift dieser neuartige Aufbau wiederum das Motiv der Düfte, die Uremotionen, auf und unterstreicht mit seiner Beschaffenheit deren Komplexität.

Ein besonderes Augenmerk ist auch auf die Verpackung der Düfte zu richten: Nachdem Skarb, der erste Duft der Kollektion, ursprünglich noch in einer anderen Aufmachung auf den Markt kam, erlebte dieser sehr bald ein Relaunch und wurde dem Design der vier anderen Düfte angeglichen. Der Flakon dient, wie in der Broschüre zu den Düften zu lesen ist, als „reliquary“ für die Düfte und die olfaktorisch umgesetzten Emotionen, für die selbige stehen. Ein Reliquienschrein also sollen sie sein, die Flakons. Nicht nur Kunst sondern auch Medium, Medium für den Inhalt. Insofern präsentieren sie sich „reduced to the max“, reduziert auf das Wesentlich-Wenigste, um umso mehr Platz und Transparenz für den Inhalt zu schaffen. „Cubism in a bottle“, wie man sich selbst bescheinigt. Als einziges Unterscheidungsmerkmal zwischen den fünfen dienen die jeweils individuell angepassten Verschlusskappen sowie die Namensbänder. Letztere sind passend angelehnt an die cedulae, Stoffbänder mit dem Namen des entsprechenden Heiligen, die in Reliquienschreinen im Mittelalter drapiert wurden. Nochmals die Ambivalenz und die Differenz der Düfte aufgreifend und betonend, werden sowohl Verschlusskappen als auch die Bänder aus komplett unterschiedlichen Materialien hergestellt – erstere in verschiedenen Manufakturen rund um den Globus und letztere in Italien in den Fabriken, in denen diverse italienische Top-Labels wie zum Beispiel Prada und Louis Vuitton ihre Accessoires fertigen lassen.

Humiecki & Graef ist etwas ganz Besonderes: Hier vereinigen sich Inhalt und Form, Essenz und Existenz, Idee und Ausdruck in ganz bemerkenswerter Art und Weise: Das fertige Produkt ist in höchstem Maße durchdrungen von Intellektualität, Ästhetik, philosophischer Aussagekraft und Herzblut. Und gleichzeitig ist ein Spagat geschafft und geschaffen: Zwischen Avantgarde und traditioneller handwerklicher Parfumeurskunst.

Wir ziehen unseren Hut.

Humiecki_Graef1
Teil 1 und Teil 2 (ab Seite 4)

Interviewer: Ich würde gern anfangen, relativ unoriginell, mit euren Großmüttern, auf denen das Ganze basiert. Vielleicht nicht die Düfte, aber definitiv der Name. Vielleicht wenn jeder ein klein bisschen ausholt, was die Großmutter jeweils für euch bedeutet und vielleicht auch ein Erlebnis, was ihr mit ihr jeweils verbindet, ein besonderes.

S1: Sie war für mich immer so ein Symbol für eine ganz andere Welt oder eine längst vergangene Zeit. Sie ist selber auch in einem sehr konservativen Umfeld natürlich groß geworden und dann hat aber eigenartiger Weise sehr lange allein gelebt. Also ist dann auch ins Ausland gegangen, hat in Prag in der polnischen Botschaft gearbeitet und dann im polnischen Konsulat. Und war dort in so einer Funktion einer Art Hausdame, was ja dann doch sehr ungewöhnlich war für die Frauen in ihrer Generation, dass die eben nicht direkt heiraten, sondern erst mal eine Zeit lang wirklich sehr selbständig leben.

Und hat dann erst mit 31 als, nicht wegen der Liebe, ist sie nicht mit dem damaligen Konsul nach Washington gegangen, sondern zurück nach Warschau. Der Grund war eben Liebe zu ihrem ersten Mann. Und das war eigentlich so eine sehr schicksalhafte Entscheidung. Weil wäre sie mit nach Washington gegangen, dann hätte sie sich den Krieg erspart, also wäre wahrscheinlich nicht in diese Turbolenzen des 2. Weltkrieges gekommen. Und so hat sie einen Tag vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges ihren Mann geheiratet und ihre Zeit auch in Warschau verbracht, während des Krieges, was wirklich katastrophal war.

Und dadurch geprägt, war sie eben eine extrem starke und – also einerseits emotional starke Frau, aber dann auch wirklich taff in allem anderen. Also es konnte sie letztendlich nichts erschüttern. Und hatte etwas, was ich – meine Mutter meinte im Nachhinein mal: Ja, die Großmutter hat eigentlich nie den Glauben ans Leben verloren. Und das ist etwas, was mich, glaube ich, auch sehr geprägt hat. Diese Zuversicht die sie hatte, kann zum Teil auch damit begründet sein, dass sie extrem gläubig war, hatte ihren sehr naiv katholischen Zugang zum Glaube, den ich aber nie als repressiv empfunden habe, sondern eher als sehr mystisch und sehr vertrauensvoll.

Und so sind dann auch diese Erlebnisse mit ihr geprägt, dass das oft Begegnungen waren, dass ich – also ich verbinde ich sie natürlich ganz stark mit Polen, also mit der Zeit, wo sie noch in Polen gelebt hat. Wo ich sie jeden Sommer als Kind dort besucht habe. War das immer ein Eintauchen in eine ganz andere fremde Welt.

Interviewer: Okay, klingt sehr spannend.

S1: Also ich könnte da noch ewig drüber erzählen. Der Name ist ja der Mädchenname, also ihr Mädchenname. Und sie war wahnsinnig stolz auf diesen Namen, weil es eben eine alte polnische Familie ist, die auch historisch verflochten ist in diverse Richtungen. Und eigentlich ist dieser Familie alles abhanden gekommen, also die waren im Aufstand gegen den Zaren Mitte des 19. Jahrhunderts auf der falschen Seite und haben dadurch ihre Privilegien verloren.

Aber was sie nicht verloren haben, ist dieser Stolz und diese Zuversicht. Und das hat sie wahrscheinlich auch sehr geprägt. Und bis zu ihrem Tod im Jahr 2000, war das auch immer wieder Thema. Und natürlich nach dem 2. Weltkrieg durfte das nicht thematisiert werden, also die Herkunft, das ging halt im kommunistischen Polen nicht. Und dadurch ist das auch sehr stark verschüttet gegangen, aber es gab so eine Präsenz von dieser Idee. Und das hat mich dann auch als Jugendlicher, ja, als Kind habe ich das gar nicht so richtig mitbekommen, aber als Jugendlicher ist mir das bewusst geworden, wie wichtig ihr diese Herkunft war und dass sie da sehr viel drauf begründet hat.

Und vielleicht lag das auch daran, dass sie diesen Mädchennamen sehr lange getragen hat, also bis sie 31 war. Und so dachte ich, dass irgendwann, man müsste man etwas machen mit diesem Namen und damit ihr auch so eine Art Denkmal setzen.

Interviewer: Olfaktorisches Denkmal.

S1: Ja, in dem Fall olfaktorisches Denkmal. So kam das mit dem Namen Humiecki und Tobias musste natürlich dann auch den Mädchennamen seiner Großmutter dazu steuern.

Interviewer: Die möchte ich jetzt noch kurz kennenlernen.

S1: Also die Paralleles, also ich glaube, das hat der Sebastian schon gesagt, dass es da Parallelen gibt und als ich Sebastian kennengerlernt habe, da haben natürlich meine Großmutter – das ist ja auch die Mutter mütterlicherseits, war für mich auch immer, hat für mich immer einen sehr wichtigen Stellenwert gehabt, also das ist eigentlich immer so für mich, meine die mir vertrauteste Person gewesen. Also nicht, dass ich ein schlechtes Verhältnis mit meiner Mutter gehabt hätte, aber ich bin ja als Kind in Afrika aufgewachsen, in Kamera und Tansania. Und da habe ich die ersten 10 Jahre meines Lebens verbracht und wir sind in den Sommerferien immer nach Deutschland geschickt worden. Meine Eltern, das waren so richtige ’68er und die haben natürlich den Anspruch gehabt Afrika zu bereisen und das ist natürlich mit zwei kleinen Kindern, also ich habe noch eine ältere Schwester, die zweieinhalb Jahre älter ist als ich, ist es natürlich nicht so einfach.

Das heißt, wir wurden immer verfrachtet. Das lag auch daran, man musste ja früher, aufgrund der ganzen potentiellen Tropenkrankheiten, musste man immer für drei bis vier Monate im Sommer nach Deutschland zurück. Also gerade bei Kindern war das erforderlich früher, weil man noch gar nicht so weit im Punkt Medikamente oder Prophylaxe war. Und wir sind dann halt immer so ein bisschen nach Deutschland verfrachtet worden. Das erste Mal, glaube ich, als ich vier oder fünf war. Und das war für mich immer so, ich bin dann immer nach Deutschland gekommen in ein sehr kontrastreiches Leben natürlich, weil das a) natürlich absolut gegensätzlich zu dem war, was wir in Afrika hatten. Und dann immer aufgeteilt worden auf die beiden Familien meiner Eltern und die Familie meines Vaters, das war halt eben ein sehr ‚geldreicher‘ oder sehr neureicher Haushalt.

Und die Familie von meiner Mutter, das waren sehr einfache Leute, wobei meine Oma eine sehr gebildete Person war. Und da ist auch die große Parallele. Meine Oma hat auch erst mit 39 geheiratet, die war nämlich auch Hausdame, das war ja in Westdeutschland, also die kommt aus dem Westerwald, und das war in der Zeit relativ üblich, dass große Familien, die da nicht die Möglichkeit hatten, ihren Töchtern, gerade den Mädchen, ein Studium oder eine weiterführende Ausbildung zu gewährleisten, haben die die in die Hauswirtschaft geschickt. Also hauptsächlich nach Holland. Viele sind nach Belgien gegangen, aber Holland war so einer der Hauptzielpunkte für diese Geschichten. So ist die mit 13 im Grunde genommen, da war die ja noch Kind im Prinzip oder Teenager, und ist nach Holland gegangen und hatte anfangs in Amsterdam für eine Juweliersfamilie gearbeitet und ist dann in eine Juweliersfamilie später nach Rotterdam.

Und natürlich mit dem Ausbruch des Kriegs, haben sich diese Leute im Grunde entsprechend aus Holland weg gemacht und sind nach Amerika. Und sie ist dann darüber wieder zurück zu ihrer Familie in den Westerwald. Was auch daran lag, dass mein Urgroßvater, ihr Vater damals, gesundheitlich schon sehr schlecht dran war. Wir haben im Grunde genommen nicht so einen schlimmen Krieg erlebt, weil die vom Land kamen und da natürlich im Grunde genommen die Welt noch funktionierte, weil es da noch irgendeine Art von Selbstversorgung gab. Die hat im Prinzip darüber im Grunde genommen, halt eben aus diesem Ort, meinen eigentlichen Opa, also ihren ersten Mann kennengelernt mit 39 und hat sich dann eben, obwohl sie den schon seit Kind an kannte, und hat sich dann eben Hals über Kopf in ihn verliebt, hat ihn geheiratet und dann mit 40 erst meine Mutter bekommen.

Und für mich war das immer so, meine Großmutter war für mich immer jemand, na ja, die war ja schon alt, als ich klein war, also im Vergleich zu meiner anderen Oma, die damals noch Mitte 50 war. Hatte die natürlich schon ein stattliches Alter. Für mich war immer der große Vorteil, dass wenn ich nach Deutschland kam, wir waren dem Deutschen nicht so besonders mächtig. Und meine Großmutter war jemand, die hat zwar sehr viel Liebe ausgestrahlt, aber die hat nicht viel geredet. Und ich habe mich in diesem Kontext immer wahnsinnig wohl gefühlt, weil ich kein Deutsch sprechen musste. Das hat mich nicht gefordert, sondern ich konnte da einfach so sein wie ich bin. Es war für mich eigentlich im Grunde genommen das Pendant – also es war eigentlich das Pendant zu dem wie ich in Afrika gelebt habe.

Und deswegen hat das halt eben schon ganz früh angefangen, dass ich ein sehr enges Verhältnis mit der hatte. Dann kommt dazu, wir haben hier in 2003 angefangen erstmals über dieses Konzept nachzudenken und 2004 dann verstärkt. Und 2004 ist dann meine Großmutter gestorben und als der Sebastian mit der Idee kam und sagte, „Warum geben wir dem Ganzen nicht die Mädchennamen unserer Großmütter?“ Dann fand ich das natürlich auch extrem passend, weil das natürlich eine Phase war, die für mich etwas schwierig war. Ich sage immer, „ich habe das halt nie…“, klar die war einfach alt, die war 98, ich meine das ist ja auch ein stattliches Alter, wo man einem dann zugesteht irgendwann mal sich zu entfernen aus der Welt. Aber für mich war das halt schon wie ein Schock, weil ich im Grunde genommen meine Großmutter immer schon alt erlebt habe und für mich war sie natürlich immer da. Also für mich hat das einen Stellenwert gehabt, den ich insofern damit ein Stück weit – na ja, das war dann wie so eine Art potentielles Memorial und insofern passte das sehr gut zusammen.

TEIL 2

Interviewer: … dennoch in die Düfte eingeflossen ist. Ist es vielleicht ein bestimmtes Weltbild, ein Spirit oder einfach gar nichts?

S1: Ich glaube, das ist relativ einfach. Also da kannst du mir widersprechen – also das muss man dazu sagen, Sebastian und ich, wir streiten uns häufig.

Interviewer: Aber konstruktiv, hoffe ich.

S1: Ja. Das dauert auch. Wenn wir uns streiten, dann dauert das 5 Minuten, dann ist auch schon wieder gut. Das hat den Vorteil, wir können uns nicht böse sein. Ich glaube, das ist relativ einfach, weil die waren im Grunde genommen, klar, dass eine andere Generation war – man muss vielleicht dazu sagen, wir haben den Namen natürlich im Grunde genommen gefunden an dem Punkt, das ist ja auch ein, ich will nicht sagen ein Zufall, aber manchmal passen die Dinge dann eben zusammen. Wir hatten ja eigentlich die Konzeption oder die Idee für dieses Label ist ja ein bisschen anders entstanden. Wir haben ja nicht gesagt: „Wir setzen uns jetzt hin und machen eine Marke.“ Da kann vielleicht Sebastian gleich was dazu sagen, wie wir da überhaupt dazu gekommen sind. Weil das ist so ein bisschen wie die Jungfrau zum Kind. Also im Sinne von – das kam über eine ganz andere Prozessstufe.

Ich glaube der Grund oder die Analogie, die da drin ist, ist dass wir auf der einen Seite mit dem was wir machen, schon gucken – wir versuchen ja ein Stück weit schon sehr traditionell zu sein und versuchen das aber in irgendeiner Weise in eine Modernität zu übertragen, mit dem Label, bzw. auch im Sinne der Parfums, die wir realisieren / machen. Und das passt, finde ich, schon sehr gut. Sebastians Großmutter kenne ich nicht, der hat meine noch kennenlernen können. Weil ich habe Sebastian ja 2001 schon kennengelernt und insofern hat er im Grunde genommen, noch drei Jahre, zumindest neuralgisch die Möglichkeit gehabt halt eben sie kennenzulernen.
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ie Großmutter von Sebastian war ja im Jahr vorher schon verstorben. Aber ich glaube, das was die beiden ausgemacht hat, war dass sie unglaublich offen waren; also zumindest meine Großmutter. Natürlich war das eine Generation, sicherlich hat die auch in diesen Grundfesten dieser Generation gelebt, aber die war eine extrem moderne Frau. Und ich glaube, diese Kombination ist halt das Interessante, dass jemand auf der einen Seite zwar schon sehr traditionalistisch ist, aber im Grunde genommen trotzdem eine wahnsinnige Weitsicht und auch eine wahnsinnige Offenheit gegenüber Neuem hat. Und da haben wir halt gefunden, dass das eigentlich in der Analogie sehr gut zu dem passt, was wir da realisieren wollten und haben deswegen uns für die Namen entschieden.

S2: Und ich glaube schon, ich möchte es ja eigentlich auch immer viel stärker als so ein Symbol sehen. Dass die Großmutter als Symbol einfach Emotionalität symbolisiert und auch ein emotionaleres oder ein anders gelagertes emotionales Verhältnis, als man es zu den Eltern hat. Und das hat man einfach mit den Großeltern nicht, weil die Großeltern viel mehr vergeben. Bei den Großeltern geht es nicht so sehr um Erziehung, wie man zu sein hat, sondern da geht es auch oft sehr um diesen Moment des Zusammenseins. Also ich glaube, dass Großeltern gar nicht so sehr in die Zukunft blicken, weil die auch viel mehr wissen, dass ihre Zeit begrenzt ist und Eltern natürlich auch sehr viel immer im Hinblick auf die Zukunft machen oder reagieren.

Interviewer: Es ist auch generell, glaube ich, fällt mir gerade dabei so auf, Großeltern scheinen auch gar nicht mehr so richtig in Mode zu sein. Wenn ich das mal so salopp sagen kann. Also ältere Menschen sind heute Best Ager, man sieht sie dann auch nicht mehr wirklich mit Enkelkindern, sondern eher beim Golf. Das fällt mir gerade selber so auf. Gut, ich habe nur eine meiner Omas nur kennenlernen dürfen, habe dann zu ihr auch noch ein recht enges Verhältnis gehabt und so weiter, aber wenn ich mal so umhöre im Bekanntenkreis: Es spricht niemand mehr, „Oh, am Wochenende waren wir bei meiner Großmutter.“ oder so. Also ich weiß nicht, ob das dann wirklich so ist, ob sie sie nie besuchen, keine Ahnung. Aber das ist alles irgendwie so weit weg und es geht nur noch ums Hier und Jetzt und Morgen. Und wie du es eben schon beschrieben hast, die bringen natürlich auch schon eine gewisse Weisheit mit, und wenn es Lebensweisheit ist und nicht jetzt Intelligenz-Weisheit. Das kann ja auch mal schnell nerven. Deswegen, total zeitgemäß eigentlich.

S1: Das ist der Unterschied. Sebastian hat mal gesagt, dass der Unterschied natürlich im Grunde genommen, was den Rapport oder diese Verbindung zu Großeltern oder Großmüttern oder Großeltern im Allgemeinen im Vergleich zu den eigenen Eltern anbelangt, ist natürlich, dass – und das teile ich – ist natürlich im Grunde genommen, dass bei den Großeltern nie diese erzieherische Moment drin ist. Sondern da ist einfach im Grunde genommen halt eben ein sein und sein lassen. Aber natürlich trotzdem eine extreme Hingabe und Aufopferung drin. Und ich glaube, das ist ja auch das Schöne daran. Sicherlich hast du recht, dass das heute so ist, dass natürlich im Grunde genommen, na ja, wie sagt man im Französischen? [? 00:04:59-9], also im Sinne von, dass man im Grunde genommen – ich glaube das liegt einfach daran, dass es diesen großfamiliären Kontext einfach nicht mehr gibt.

Das sehe ich noch bei meinen Eltern, dass die immer noch darin leben und dass das eigentlich immer weniger wird, weil natürlich im Grunde genommen diese Selbststeuerung und diese Selbstbestimmung einfach mittlerweile so im Vordergrund steht, und das ist natürlich früher in Familienkontexten einfach viel weniger so gewesen, als bei meiner Großmutter, die kam aus einer Familie mit 10 Kindern. Da sind zwei relativ früh gestorben, aber diese Familie war eigentlich im Grunde genommen immer so ein selbsterhaltenes Konstrukt, wo dann eben zum Beispiel auch – und das hat man auch nicht als schlimm empfunden – zum Beispiel in diesem Kontext zwei Schwestern waren, die nicht verheiratet waren und die haben sich dann im Grunde genommen halt eben immer am neuralgischen Punkt. Die haben auch keinen festen Wohnsitz gehabt, sondern die waren dann jünger und sind dann später im Grunde genommen immer zu denen gefahren, wo im Grunde genommen Hilfe notwendig war.

Und so waren die mal eine Weile dort im Haushalt und mal eine Weile dort im Haushalt. Aber das ist als etwas ganz Selbstverständliches empfunden worden. Da wurde auch gar nicht drüber diskutiert. Das war so selbstverständlich. Und ich glaube, das ist so der große Unterschied. Ich habe das bei meiner anderen Familie auch gehabt, da war jemand in der Familie, der war ein bisschen geistig behindert. Das ist zwar absurd, dass man nie kommuniziert hat, dass das eigentlich ein Bruder ist von meinem Opa, aber das war halt der Jupp, der machte immer den Garten. Und als der starb kam dann irgendwann raus, beziehungsweise als mein Opa zwei Jahre später starb, kam dann raus, dass es eigentlich der Bruder war. Aber man hat die Leute immer mit durchgezogen. Er war ein fester Bestandteil. 00:06:40-2

Jetzt trotzdem nochmal eine Sache zu den Parfums, weil ich glaube das liegt so ein bisschen natürlich auch am Anfang dieses – weil die Entstehung der Markenidee, ist ja sehr verknüpft mit dem ersten Duft, den wir gemacht haben. Und das ist Skarb. Und ich glaube, bei mir war schon das wichtige, und da habe ich vielleicht die Marke auch am Anfang stark geprägt, auch mit dem Vorschlag diese Namen zu verwenden, liegt ein bisschen auch an meiner Biografie, dass ich halb Pole bin, meine Mutter ist Polin, mein Vater ist Deutscher und ich bin in Deutschland geboren. Aber zweisprachig groß geworden, weil das immer sehr wichtig war, diese kulturellen Bezug zu haben. Und ich fand das selber sehr reizvoll, auch diesen Unterschied zu erfahren, zwischen einer Kultur eines Nachbarlandes, die viel emotionaler geprägt ist als in Deutschland.

Das war auch so, wie ich das immer erlebt habe, auch in der Familie, dass das durchaus rational, obwohl die Familie meines Vaters aus dem Rheinland kommt und durchaus auch sehr lebendig und irrational sein kann. Aber in Polen war das dann noch eine andere Qualität. Und daher ist auch der erste Duft, Skarb, das ist ein polnischer Name und beschreibt diese Situation eines slawischen Mannes. Also mein Bild, was vielleicht auch durch Klischees geprägt ist, dass eben der slawische Mann weitaus emotionaler ist und das Weinen dort in der Kultur eh eine größere, so eine Heulkultur, eine größere Rolle spielt. Und so entstand dieser erste Duft. Und da glaube ich schon, dass das sehr stark geprägt ist von dieser Idee, die sich dann im Markennamen oder in diesen Personen, die für uns ja so wohl [? 00:08:24-9] geworden sind, widerspiegeln.

S2: Vielleicht nochmal zu dem Punkt, wie wir dazu gekommen sind. Im Initial war das ja so, dass wir im Prinzip – das war 2004 oder 2003. Aber wann hast du mit dem Konzept angefangen?

S1: Das war eigentlich erst 2004.

S2: Okay. Das ganze kam ja so, wir haben im Prinzip dadurch, dass wir ja – Sebastian ja schon immer, seit Beendigung des Studiums oder auch im Studium sich halt eben schon eine extreme Faszination für dieses Thema Parfum hatte. Und auch im Nachgang eben, in Paris in einer Agentur gearbeitet hat, die speziell im Prinzip Konzepte für Parfümerieprodukte entwickelt hat. War das so, dass wir gesagt haben, dass Sebastian irgendwann gesagt hat: „Okay, kann man nicht mal anders an so ein Konzept rangehen?“ Und das war so ein bisschen auch die ursprüngliche Idee der Beweisführung der Dienstleistung, die wir im Grunde genommen intern als Agentur, die wir ja haben nebenher noch, zu erbringen. Zu sagen, „man muss nicht immer so platt an Parfums rangehen, weil man das halt für gewöhnlich im kommerziellen Kontext macht. Auch wenn es Luxus ist, zu sagen, weil es ist ja immer [? 00:09:37-3].“ Die auch noch sexy ist um 12 ist und die auch noch sexy um 20 Uhr ist. Dieses Drei Wetter Taft Prinzip.

Und von dem sich ein bisschen zu lösen und zu sagen, man muss aber deswegen nicht plötzlich im Grunde genommen komplett sich wegbewegen von dem Konzept klassischer oder traditioneller Parfümerie. Sondern wie kann man eigentlich im Grunde genommen dieses Scope größer machen, um zu sehen, was kann man da noch draus entwickeln? Oder was für Ideen kann man daraus entwickeln? Und da kam eigentlich im Grunde genommen diese Idee her zu sagen: Also wir arbeiten eigentlich für diesen ersten Duft Skarb und das Konzept für Skarb war da, bevor es eigentlich im Grunde genommen diese Marke gab. Und so ist natürlich auch diese Prägung einfach entstanden, dass Sebastian gesagt hat: „Okay, warum nimmt man – klar, ist Duft Emotion und klar, geht das um Emotionen und Gefühle etc., aber warum öffnet man sich nicht und sucht mal nach emotionalen Zuständen, die fernab von diesem sexy, happy, keine Ahnung was sind. Sondern geht einfach ein bisschen weiter und ist auch ein bisschen mehr daring.

Und so kam dieses Konzept Skarb, als so ein Inbegriff von Melancholie oder von so einer slawischen Melancholie auch. Und dann haben wir das entwickelt. Aber im Ursprung eigentlich immer nur wie so eine Art Beweisführung. Das wurde dann zusammen mit Christoph gemacht, weil Christoph und Sebastian zu der Zeit sehr viel an der Uni in Berlin gemacht haben, an der UDK, also in der Lehre. Und so hat sich das dann entwickelt. Wir hatten dann irgendwann dieses Parfum und dann war das eigentlich entwickelt. Und dann hat Christoph gesagt: „Was macht ihr denn jetzt damit?“ „Wieso? Jetzt haben wir das Konzept gemacht, jetzt ist gut.“ Und da hat Christoph gesagt, „Nein, das könnt ihr jetzt auch abfüllen, also jetzt könnt ihr da auch ein Parfum draus machen.“

Und so hat sich das eigentlich im Grunde genommen entwickelt. Wir haben dann gesagt: „Okay, das ist doch super, jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter und entwickeln noch eine Flasche und machen und tun.“ Haben das dann getan und haben das eigentlich für uns im Grunde genommen wie so eine Art Case Study gesehen. Und als die Case Study dann da war, habe ich gesagt: „Du, die hat jetzt relativ viel Geld gekostet. Wollen wir das jetzt vielleicht nicht auch vertreiben?“ Und so ist eigentlich im Grunde genommen, eins zum anderen gekommen. Also das hat sich dann so sukzessive entwickelt. Und als wir dann in 2005 entschieden haben oder in 2005 zu 2006 rüber, und dann eben im Hinblick auf die Entwicklung oder auf die eigentliche Lancierung mit den fünf ersten Düften in 2008, gesagt haben, „okay, wir machen das jetzt“, war das ja dann auch notwendig, dass wir das Ganze nochmal leicht überarbeiten, weil wir am Anfang halt nie an eine Marke gedacht haben oder ein Parfum-Label, sondern das war einfach aus der reinen Inbrunst getrieben, mal ein Konzept zu realisieren, was einfach im Grunde genommen out of the box ist.

Interviewer: Du hast gesagt, das hat auch ziemlich viel Geld gekostet. Wie viel kostet denn so etwas, initial-zündungsmäßig?

S1: [lachen] Wir lernen jeden Tag noch dazu.

Interviewer: Das habe ich nicht gefragt. Das nehme ich an, ja. Nein, aber was ist das für ein Initial Investment gewesen bei euch? In was für einer Höhe darf man sich das vorstellen?

S1: Wir müssen natürlich immer sehen, wir haben ja nie Arbeitszeit gerechnet. Das ist ja immer der Vorteil bei uns gewesen, das muss man natürlich auch ganz offen sagen. Wir hatten am Anfang immer wahnsinnige Panik, dass das in irgendeiner Weise in eine Verquickung kommt, weil wir nie wollten, dass das in irgendeiner Weise in den Kontext mit unserem Designbüro zusammen gebracht wird. Mittlerweile haben wir festgestellt, da hatten wir immer ein bisschen Angst vor, wir haben aber mittlerweile festgestellt, das ist Blödsinn. Abgesehen davon kannst du das natürlich in Zeiten von Social Media auch nicht wirklich trennen. Also wer es sehen will, der sieht es auch.

Der Punkt ist, klar, am Anfang hatten wir das große Glück, dass wir relativ viel gebettelt haben, weil wir haben ja so homöopathische Mengen nur verarbeitet, dass ja zum Teil die Zulieferer uns gesagt haben, „das können wir euch gar nicht verkaufen, das sind ja nicht mal Mustermengen.“ Und ich weiß, bestimmte Sachen haben wir sogar halbwegs geschenkt bekommen. Insofern ist das natürlich im Grunde genommen sehr schwer zu rechnen. Heute, jetzt wo wir natürlich im Grunde genommen da ein bisschen professioneller rangehen oder zumindest versuchen, ist es natürlich so, dass – also man hat natürlich schon kalkulatorisch Anschubkosten, aber die können natürlich sehr unterschiedlich sein. Weil das eine ist im Prinzip der Material- und der Musterungsaufwand, und natürlich der Entwicklungsaufwand. Aber dadurch, dass wir uns natürlich ein bisschen die Komplikation auferlegt haben, immer mit einer neuen Deckelkomponente zu kommen, immer mit einer anderen [? 00:14:11-9] Komponente zu kommen, was ja so ein bisschen aus dem Konzept heraus kommt, dass wir gesagt haben: Wir sind ja eigentlich in dem Sinne keine [?] Line, die das häufig in der – was jetzt keine Kritik ist, aber es ist ja häufig in der Nischenparfümerie so, dass du sehr stark nach Familien baust.

Und bei uns war das ja so, dass wir gesagt haben, „okay, wir willen eigentlich im Grunde genommen konzeptionell, dass jeder Duft komplett anders ist.“ Haben gesagt, „wir müssen irgendwas finden, was das auch rüberbringt.“ Jetzt arbeitest du natürlich, wenn du in diese kleinen Mengen, wie wir jetzt gestartet bist, musst du ja mit Standards arbeiten. Und so kam dann die Idee zu sagen, „okay, wir verändern wenigstens immer [? Band- 00:14:46-6] und Deckelkomponente. Aber es bleibt immer die formale Flasche. Das heißt, der formale Kontext bleibt gleich, aber wir ändern die Materialien. Und da liegt natürlich ein bisschen auch der Teufel drin zum Teil, weil natürlich im Grunde genommen im Schub das zum Teil sehr schwierig ist, weil die Sachen dann – weißt du, wenn du jetzt eine Deckel hast und wir den 2000 mal entwickelt hätten, dann hätten wir im Grunde genommen einfach immer damit weiter gemacht und dann wäre natürlich jedes neue Parfum relativ einfach. Weil wir gar nicht so einen hohen Aufwand in der Prozesssteuerung haben. Der ist natürlich bei uns immens hoch. Deswegen sage ich noch: „Wir lernen stetig dazu.“ Dass es manchmal so ist, dass man denkt, „oh, das würgt einem jetzt“, weil man natürlich einfach immer diese Komplikation potentiell hat, dass halt in dieser Entwicklungsphase, die kann man nicht so abschätzen, wie man das machen könnte, wenn man halt sagen würde, „Okay, man hat einen Standarddeckel definiert und mit dem arbeitet man immer fort.“

Interviewer: Also eine Zahl kriege nicht aus euch raus.

S1: Ja, das ist so schwierig.

S2: Es ist eine hohe Zahl.

S1: Das ist immer schwierig. Ich bin immer vorsichtig mit den Zahlen.

Interviewer: Wenigsten die Stellen, die würden mich schon interessieren.

S1: Sechsstellig.

Interviewer: Okay. Und ist das ein mittlerer sechsstelliger Betrag oder ein höherer?

S1: Wenn man das Ganze nimmt….

S2: Mittlerer.

S1: Dann ist es ein mittlerer. Wobei das natürlich heute so ist, man muss ja immer sehen, und das ist halt auch das, was der neue Punkt ist, was alle kleinen Parfumlabels vereint. Dadurch dass du ja an einer Industrie partizipierst, die eigentlich im Grunde genommen immer von 100.000 von Stück ausgeht, hast du natürlich im Prinzip das Problem, dass dieser Schritt von der Anfangsphase in den etwas professionelleren oder etwas größeren Lauf, was die Volumina anbelangt, bedeutet, dass du im Grunde genommen auch immer extrem hoch in der Vorkasse bist. Das heißt, was Einkauf von Basismaterialien anbelangt. Das heißt, deine Ausgaben sind bis weilen unglaublich hoch. Du hast die Ware zwar, aber die musst du ja dann erst mal weiter produzieren und rausverkaufen. Und das ist wirklich manchmal sehr tricky. Deswegen, ich mache das ja von meiner Seite, das ist ja mein Part in dem Business – ich lerne da jeden Tag noch dazu.

Interviewer: Nun muss ich sagen, ich habe das erste Mal von euch gehört, bzw. an einem eurer Parfums geschnüffelt. Und zwar das ist bestimmt vier – fünf Jahre her. Und das war das Askew. Nun muss ich sagen, damals war ich noch bei „how to spend it“ in Amt und Würden, und klar, dann kommen jeden Tag irgendwie fünf Düfte. Und irgendwann wurden auch die Nischenparfüms einfach mehr, indem was wir zugeschickt bekamen. Und deswegen war ich dann irgendwann auch relativ skeptisch. Ich habe es dann erst gelesen und habe gedacht, „na ja, dieses auf den Kopf stellen, was einen klassischen Männerduft ausmacht und so weiter, und den Duftstern und so.“ Da habe ich gedacht, „okay, auf dem Papier hört sich das interessant an, aber man weiß, dass es oft – wie sagt man – nur im Labor nachstellbar, aber man erfährt es einfach nicht mehr selber, wenn man den Deckel hoch macht.“

Und ich war wirklich ehrlich total geplättet, dass ich das, was in dem Pressetext stand, ich konnte das sofort nachvollziehen in meiner Nase. Ich habe das sofort verstanden und ich habe auch sofort die Einzelteile gleichberechtigt wahrgenommen, was ja so ein bisschen in diesem Duftsternprinzip und nicht in der Pyramide begründet ist. Das fand ich enorm! Das hat mich wirklich geplättet. War euch das klar, dass das so gut gelingt? Weil es gibt Parfümhersteller, die sagen, „wir haben die Pyramide mal auf den Kopf gestellt“, und so weiter und sofort. Aber ich habe wirklich nie wieder so einen genauen Transfer gehabt, von der Zeile der Pressemappe wirklich in das, was ich mir aufgesprüht habe. Seid ihr da durch mehrere Phasen gegangen, wo es eher, was weiß ich, wo es eine Duft-Birne war, statt ein Stern und so weiter? Weil das ist ein neues Konzept. Wie hat der Christoph das so gut hingekriegt?

S1: Nein, das war wirklich Christophs Vorschlag bei dem aller ersten. Das lag so ein bisschen daran, weil vom Briefing her läuft das ja letztendlich immer gleich ab. Also ich briefe ihn mit Bildern, weniger mit Sprache und versuche eben Bilder zu finden, die das ausdrücken, wie ich mir das vorstelle. Weil das ist ja das entscheidende.

Interviewer: Eine Art Moodboard macht ihr quasi?

S1: Ja, ich mag den Begriff Moodboard nicht, weil Moodboard hat so ein bisschen was Wahrloses.

S2: Man kann es gleich sagen, es sind immer drei Bildtafeln.

S1: Das sind relativ klare Bilder, die zum Teil zusammen collagiert sind, aber die müssen das auch ziemlich punktgenau auf den Kopf treffen, weil sonst funktioniert das nicht. Wir haben damals am Anfang beim ersten, sehr viel darüber gesprochen, wie das eben ist, wie ein Mann weint. Und das habe ich ihm versucht zu erklären, wie ich mir das vorstelle. Da gab es eine Grafik auch dazu und dann diese Bilder. Und dann kam er mit der Idee, da hat er dann dran gearbeitet, das im Stern anzuordnen. Weil eben diese unterschiedlichen Punkte, also dieses Weinen und daher wäre dann auch diese ganze emotionale Thematik abgeleitet, dass die ja sehr gleichberechtigt sind. In den Emotionen gibt es zwar natürlich so einen Höhepunkt, aber letztendlich zieht sich die Emotion immer durch den Gefühlszustand durch.

S2: Also das ist ja auch nicht so, das ist auch entscheidend, dass wir gesagt haben, eine Emotion setzt sich ja aus vielen Einzelsensationen zusammen. Also Emotion kann ja sein, „hat eine trockene Zunge und hat einen spitzigen Rücken“ oder so. Das ist ja nicht immer nur eins. Und das war einfach etwas, wo wir – also es ist ja immer so, dass die Konzepte so sind: Sebastian setzt sich hin und überlegt sich ein Konzept und dann entwickelt er das. Und irgendwann fangen wir dann zu einem späteren Zeitpunkt an darüber zu sprechen, das funktioniert auch ganz gut. Weil ich glaube, dann ist das am Anfang eine starke, direkte Kommunikation zwischen Sebastian und Christoph. Wir haben festgestellt, wenn da zu viele Leute drinnen sind, dann funktioniert das nicht gut. Also ich verlasse mich dann immer darauf, das ist für mich auch der schöne Part. Weil ich kann dann irgendwie kommentieren und kann mich gleichzeitig auch überraschen lassen, von dem was da kommt. Und insofern war das aber am Anfang immer ein relativ starkes Thema, dass wir gesagt haben, irgendwie muss man das hinkriegen, dass da halt eben einfach unterschiedliche Momente drin sind. Und die müssen, unter Umständen sind die an bestimmten Punkten stärker oder schwächer wahrzunehmen. Aber es war uns irgendwie wichtig, und das war dann halt eben Christophs Idee, dass die in irgendeiner Weise schon von Anfang an, unmittelbar, in welcher Gewichtung auch immer, aber dennoch erfahrbar werden.

Interviewer: Wir haben vorhin schon drüber gesprochen, nun seid ihr in dem unterwegs, was man die Nische nennt. Ich kann das schon mittlerweile fast nicht mehr hören, genauso wie den Begriff Lifestyle. Aber in Ermangelung eines besseren Begriffes…

S1: Darf ich was zu dem Thema Nische sagen? Ich meine, das Thema Nische, ich komme ja wirklich ganz stark aus dem Fashion Background und ich habe mal, das gibt es ja auch in der Mode, dass man sagt, eine „Niche Brand“. Eine gute Bekannte von mir aus Paris hat mal gesagt: „I hate people asking me if I am in the [? 00:22:49-9] that I am a niche brand. Because what does niche actually mean? Obviously only that you are able to sell maximum to five stores in the world.“ Dieser Begriff ist wirklich ein schwieriger. Vor allen Dingen, weil natürlich im Grunde genommen mittlerweile auch Dinge in dieser besagten Nische drin sind, die eigentlich dort auch nicht wirklich was suchen haben.

Interviewer: Die kommerziell aufgesetzt sind. Tochter von einem Multi.

S1: Genau. Was aber natürlich auch ein ganz normaler Prozess ist.

Interviewer: Klar, Professionalisierung.

S1: Genau, weil man jetzt sieht, dass natürlich in diesem Bereich, trotzdem ein extremes marktwirtschaftliches Potential drin ist. Und das sieht man ja eben auch den Lancierungen der kommerziellen Luxusparfümerie an, die sich natürlich auch in den letzten Jahren anschickt einfach aufgrund von dem Marketing und Einkaufsvorteilen dieser Nischenkonzeption zu sagen, ich komme nicht mit einem One Slot Proposal [undeutlich 00:23:40-9], sondern ich komme gleich mit einer ganzen Familie. Da geht es im Endeffekt nur darum, irgendwie shared presence [?] zu haben.

Interviewer: Das ist auch ein bisschen das Gießkannenprinzip, oder?

S1: Ja natürlich, klar. Und dann natürlich auch im Prinzip die Möglichkeit zu haben, mit einem Konzept mehrere different potentials oder different expectations abzudecken, ganz genau.

Interviewer: Nun war ich neulich bei – deswegen wollte ich euch dazu befragen – war ich neulich bei Ludwig Beck, hier bei Hautnah, und habe mir mal wieder angeguckt, was es alles Neues gibt. Und die sind ja was Niche Brands angeht ziemlich gut sortiert. Und ich habe mich dann aber die ganze Zeit gefragt, du sagst jetzt gerade, da steckt ein ökonomisches Potential definitiv drin. Ich habe mich aber dennoch hinterher gefragt: das kann nicht für alle aufgehen. Weil ich weiß genauso gut wie ihr, ihr wisst es wahrscheinlich besser, aber ich habe eine relativ gute Ahnung davon, wie so ungefähr 90% der Parfümkonsumenten funktionieren. Und die suchen jetzt nicht nach Konzepten in die man sich einlesen muss, so wie eine Oper, wird mit Übersetzung besser.

Also es ist eigentlich doch eher so: Wir sind alle völlig überfordert mit allem, jedenfalls latent. Und möchte ich dann, mich noch wirklich damit beschäftigen müssen, mental, was mir der Parfümeur damit sagen will oder greife ich zu Douglas Top 10 zu Nummer 2 oder so, und sage mir: „Sprühe ich auf, riecht irgendwie frisch, ecke ich nicht mit an. Passt.“ Und ich frage mich so ein klein bisschen, wie viel Luft steckt da wirklich noch drin oder haben wir mittlerweile eine Nischenblase. Mich beschleicht so langsam, so ein ganz klein bisschen dieses Gefühl. Also ich finde ja, ihr seid noch total verständlich und zugänglich unterwegs. Also nicht falsch verstehen. Aber es gibt Konzepte, wo ich denke, ist das jetzt nicht nur einfach so ein bisschen „la pour la“ und man wollte ein Parfum machen, aber man hatte eben nicht den Konsumenten im Kopf, sondern nur den eigenen Rausch. Ich weiß nicht, wie ihr das seht?

S1: Ich glaube ja ganz fest daran, dass wenn ein Konzept schlüssig ist, dass das Produkt auch schlüssig ist und dass man gar nicht mehr viel hinterher erklären muss. Und so sehe ich das auch ein bisschen bei uns. Es gibt die Möglichkeit dort tiefer einzutauchen und was dahinter zu erfahren. Aber die Düfte funktionieren auch so. Und da glaube ich fest an diese Stärke des Konzepts. Wenn das Konzept stark ist, dann wird auch das Produkt einem in irgendeiner Form emotional berühren. Und ich habe oft den Test mit meinen Studenten gemacht, ich bin ja noch Gast-Professor an der UDK in Berlin, und wir haben mal, das wollte ich einfach wissen, funktioniert das auch vice versa, also wenn ich denen die Düfte gebe und die kennen die Geschichten nicht dazu, was assoziieren die damit? Und das interessante war, dass die Assoziationen von diesen Studentengruppen sehr ähnlich waren auch dem wie ich den Parfümeur gebrieft habe. Es ist nicht darauf hinausgelaufen, dass sie dasselbe Wording hatten.

S2: Man muss dann eigentlich noch dazu sagen, Sebastian hatte es eben auch mit neuen Düften gemacht, die dann noch in der Entwicklung waren, so dass die eigentlich im Prinzip – also du hättest nicht ins Internet gehen können und irgendeiner Weise dir da Informationen ziehen könne, von dem was da schon geschrieben ist. Sondern die waren einfach noch gar nicht kommuniziert.

S1: Und das fand ich dann doch erstaunlich, dass das hinhaut. Und daher glaube ich, dass es in dieser – oder Artistic Perfumery wird es ja dann auch genannt, was ich irgendwie auch so ein bisschen eigenartig finde, weil das hört sich für mich mehr nach Zirkus an. Aber ansonsten die Möglichkeit diesen Nischenbegriff zu umgehen, dass dort Konzepte, die stark sind, dass die funktionieren, aber ein starkes Konzept heißt ja am Tagesende nicht, dass es ein kompliziertes Konzept ist oder ein verwürgtes Konzept ist. Sondern das Konzept muss ja eine Schlüssigkeit haben. Und Schlüssigkeit hat auch immer sehr viel mit Einfachheit zu tun. Und genau was du gesagt hast, es gibt eben sehr viele, die dann Konzepte machen und dann wird da noch ein bisschen gezwirbelt. Aber ich will das jetzt nicht – ja, hört sich vielleicht arrogant an, aber das ist wie der Unterschied zwischen einem Gestalter oder einem Künstler, der etwas kreiert, was berührt, oder jemand der hingeht und sagt: „Ich mache jetzt mal Gestaltung.“ 00:28:41-6

S2: Ich glaube, das große Thema ist ja, dass wir heute im Grunde genommen eigentlich, und das hat ja nicht nur mit der Parfümerie oder mit der Nische oder mit Parfümprodukten zu tun. Ich glaube, das große Problem ist, dass wir heute natürlich mittlerweile so wahnsinnig Marketing präsent sind, dass das ja auch so ein bisschen der Markt ist, der das aufoktroyiert, im Prinzip Konsumenten zu sagen: „Du kaufst nicht nur ein Produkt, sondern du kaufst auch unmittelbar eine Story.“ Ich finde es richtig, dass im Grunde genommen hinter jedem Produkt eine funktionierende Story sein muss. Aber ich sage auch, dass du diese Story nicht – also das Produkt ist nur dann gut, wenn du die Story nicht brauchst und trotzdem mit dem Produkt was anfangen kannst. Das eine schließt das andere nicht aus.

Problematisch ist dann im Grunde zweiteres, nämlich die Story, dass die eigentlich vor das Produkt gestellt wird. Und das ist ja das, was wir im Arbeiten extrem erleben, das ist häufig auch unser Frust im kommerziellen Arbeiten, dass wir eigentlich immer anders rangehen und im Grunde genommen gar nicht anders können, als eigentlich immer erst mal dieses Produkt ins Zentrum zu stellen. Und dann macht man was mit dem Produkt und dann kommt man eigentlich im Grunde genommen in der Conclusio auch auf inhaltliche Aspekte, die unter Umständen interessant sind. Wie sagt man, „The content“ oder „to convey the content.“ Aber das kriegst du ja nur hin, über den Produktbaustein. Und ich glaube, das ist heutzutage so komplett anders, weil man natürlich einfach viel stärker über Vermarktungskriterien nachdenkt als über eine faktische Produktvaluta. Klar, das ist der Markt, wie er heute ist. Ich bin immer so, dass ich denke, „na hoffentlich wird sich das mal mit der Zeit auch wieder ein bisschen verändern.“ Weil mit einer massiven Vermarktung oder einem Überschuss in dieser Denkweise, was natürlich dann auch dieses Markt Potential anbelangt, wird sich das unter Umständen irgendwann auch wieder gegenkorrigieren.

Gut, das ist lustig, dass du sagst, es ist eigentlich ein einfach verständliches Konzept. Weil wir natürlich häufig das Problem haben, wenn wir damit in die Parfümerie gehen, wir – und ich glaube, da ist es häufig auch die Irritation, das glaube ich, in der Nischen-Parfümerie schon auch unter vielen Einkäufern und Konsumenten so eine Erwartungshaltung gibt, dass wenn ich mich in die Nische bewege, ich dann halt eben auch diese gesamte Geschichte, diese persönliche Note und persönliche Sichtweise haben muss.

Interviewer: Und es ist alles verkopft. Das ist auch so ein Klischee. 00:31:12-6

S2: Absolut. Die haben wir natürlich auch, aber wir haben sie natürlich nicht im Sinne von „Ich tauche in die Welt von einem Parfümeur ein und dann werde ich im Grunde genommen da ganz viele Proposals finden, die ein Stück weit alle aus einer Familie kommen.“ Also was die olfaktorische Komponente anbelangt. Sondern bei uns natürlich immer, diesen Punkt, den du überwinden musst, der muss natürlich der sein zu sagen: „Okay, das ist eine Marke.“ Aber das kann eigentlich nicht sein, dass du im Grunde genommen jeden dieser unterschiedlichen Düfte, im Grunde genommen gleich [? 00:31:40-4] präferierst. Das ist ganz klar. Also wer das eine mag, der wird zwangsläufig nicht das andere mögen, weil sie halt so unterschiedlich sind. Das ist für mich immer so gefühlt, wenn ich so rumgucke, da sehe ich auch viele Dinge, die ich gut finde im Wettbewerb.

Und da ist der enorme Unterschied, wo ich sage, da unterscheiden wir uns einfach komplett und das macht uns manchmal halt eben auch das Leben schwer. Ich finde es toll, wenn jemand sagt, das ist doch total einfach. Das ist meistens das, wo es dann bei uns im Grunde genommen ein bisschen hakelt und strauchelt, weil man natürlich erwartet: „Okay, ich finde da einen gut, und dann muss ich die ganze Palette gut finden.“ Dann sagen die Leute: „Ja, das braucht so viel Erklärung.“ Dann sage ich: „Nein, gebt den Leuten das mit, dass sie es erleben und dann entscheiden sie selber. Und das ganze Drumherum, das brauchen die nicht.“ Wenn die das wissen wollen, dann werden sich Konsument heute diese Informationen holen. Aber es ist nicht unbedingt zwangsläufig notwendig, dass die Leute erst mal in diese Information eintauchen, um ihnen im Grunde genommen – sagen wir, um eine Rechtfertigung für die Relevanz zu generieren.

Interviewer: Jetzt habe ich noch drei Fragen.

Die Zusammenarbeit mit Christope Laudamiel, habt ihr da eine Anekdote, die das gut beschreibt, wie er ist und wie ihr zusammenarbeitet? Gibt es da so eine Situation? Entweder eine, die immer wieder kommt, fast schon ein Ritual ist, oder einfach aus den Anfängen etwas, wo ihr nach der Situation wusstet, „ah, so tickt der.“

S1: Das ist so schwer zu sagen, weil wir das erst mal kommunizieren in drei Sprachen.

S2: Das stimmt!

S1: Wir wirklich kreuz und quer reden. Christoph spricht ja sehr gut Deutsch und sehr gut Englisch, und ist natürlich ursprünglich Franzose. Und der mixt auch die Sprachen sehr konsequent, was ich ganz toll finde, weil ich das auch latent mache. Ich mache das nicht so bewusst, ich bewundere das extrem, dass der so ganz gezielt macht. Ich mache das immer, weil ich das Gefühl habe, dass man in bestimmten Sprachen, einfach aufgrund der kulturellen –

S2: Was anderes besser ausdrücken kann vielleicht.

S1: Ja, bestimmte Dinge, die kann man einfach in bestimmten Sprachen. Die Wörter dafür gibt es, aber das ist halt kulturell nicht verankert, dass man so gut ausdrücken kann. Und mir passiert das eher zufällig, dass ich irgendwo sitze und plötzlich aus dem Deutschen ins Englische oder ins Französische kippe oder umgekehrt, weil ich denke, dass sich das in einem anderen Sprachkontext, in einem anderen Sprachraum, einfach besser zum Ausdruck bringen kann. Das ist das, was für mich wirklich im Grunde genommen immer etwas sehr angenehmes ist, wenn wir mit Christoph zusammenarbeiten, weil mir das eben sehr nahe ist. Das ist die persönliche Note, die ich daran einfach gut finde.

S2: Ich glaube was ganz interessant ist – die ersten fünf haben wir nur mit Christoph, also mit ihm alleine gemacht, und jetzt die letzten drei und jetzt auch Nummer neun, hatte ich gestern noch mit ihm ein Re-Brief dazu, machen die beiden ja zu zweit im Team. Und das finde ich ganz verrückt, die beiden sind sich natürlich auch nicht gleich, so wie Tobias und ich, ja auch in vielen Dingen dann doch unterschiedlich denken. Und dass es immer diese stetige Diskussion gibt, und die sehr fruchtbar ist.

S1: Aber wir komischerweise immer dann doch zu einer Conclusio kommen. Also es ist so, dass zwischendrin – ich kann mich entsinnen, wir haben mal in Berlin zusammengesessen und haben im Grunde genommen zu viert in der Runde am Tisch, irgendwie beim Frühstück, und haben diskutiert. Und das ist bei uns immer so vor und zurück. Ich glaube, jeder sieht andere Schwerpunkte. Sebastian sieht einfach immer – ich nehme das ja einfach nur so wahr, wie ich es wahrnehme. Also ich bin da, glaube ich, der Banalste, weil ich den Duft nicht kreieren kann und auch das Konzept initial nicht mache. Ich bin eigentlich immer so die Konsumentenseite.

Der Sebastian ist natürlich viel stärker aus diesem konzeptionellen Bereich und die anderen beiden natürlich in dieser Entwicklungsebene. Und das macht es schon ganz interessant, weil jeder eigentlich im Grunde genommen mit einer sehr persönlichen Sichtweise da rangeht. Aber was toll ist, ist dass man mit denen auch sehr logisch und sagen wir mal sehr klar und wenig persönlich gefärbt darüber sprechen kann. Ich glaube, das ist auch eine wahnsinnige Qualität von Christoph, wo ich den wahnsinnig bewundere, der erkennt was an, als eine Herausforderung, als ein Konzept und versucht nicht im Grunde genommen irgendwie so im ersten Schlag unbedingt immer zwingend seinen persönlichen Diskurs da reinzubringen.

Interviewer: Also er ist nicht der maulende Künstler, der dann irgendwann in der Ecke sitzt und sagt: „Keiner versteht mich.“ Sondern er ist ein Pragmatiker.

S1: Genau! Du schickst das und dann sagt er: „Da, das muss man überlegen!“ Also der geht da direkt drauf ein. Und das ist eine wahnsinnige Qualität.

S2: Das ist vielleicht ganz interessant dort zu sagen, wenn wir an das Briefing, also an [? 00:36:38-7] denken, da habe ich sehr viel mit ihm drüber diskutiert, dass ja dieses Thema Vertrauen und es gibt ja so eine Grundgeschichte, die man auch in den Bildern wiederfindet, ein Verhältnis zwischen einem jüngeren Mann zu einem älteren Mann. Und die Bilder sind durchaus, also viel, ja körperlich, als er das am Anfang – eben wir ja gesagt, „nein, wir können jetzt noch wieder so ein Parfum machen, wo es um Sex geht.“ Und wir haben sehr viel darüber gesprochen und er hat, das war ganz interessant, weil für mich sind ja die Bilder eher eine Idee, wie das riechen soll, dass es eben ein sehr körperlicher Duft wird.

Und das ist ja in dem Moment nicht das, wie ich unbedingt dieses Vertrauensverhältnis beschreibe, was durchaus viel vielschichtiger sein kann. Und er sah dann darin ganz stark diese Sache eines Meister-Schüler-Verhältnisses und zwischen Männern und Frauen, und Frauen und Frauen, und Männer und Männern finden kann. Und das fand ich eine interessante Komponente. Da hat er sehr lange immer wieder gesagt, „ja, aber irgendwie, ich denke das ist eher Schüler-Meister.“ Und hat sehr viel über diese Bilder auch nachgedacht und hat trotzdem diese Bilder, oder beide haben wir sie dann zu einer Basis dieses Duftes gemacht, so wie das auch ursprünglich der Stil war.

S1: Also wir machen auch häufig, dann entwickelt auch jeder für sich was. Das ist schon so mit den beiden Christophs jetzt, dass es eben schon so sein kann, dass wir die ersten Trials bekommen und da sind dann vielleicht zwei dabei, die hat halt eben Christoph Hornet gemacht und andere. Die anderen beiden hat Christope Laudamiel gemacht. Und das ist für uns natürlich auch immer lustig. Sebastian und ich, wir sitzen dann da und versuchen dann irgendwie, weil wir es ja nicht wissen, was von wem ist, und versuchen dann eben in irgendeiner Weise mit unserem Wissen über diese Personen ein Stück weit zu filtern, wer hat jetzt welchen gemacht.

S1: Wir finden das schon ziemlich schnell.

S2: Ja, dafür arbeiten wir schon zu lange zusammen, glaube ich. Beide haben natürlich schon eine Handschrift, das ist klar. Aber es geht nicht darum, diese Handschrift in den Vordergrund zu bringen, sondern es geht darum, die Handschrift ist im Grunde genommen ein Stück weit ein Transmitter oder ein Vehikel. Aber es geht erst mal darum, im Prinzip die eigentliche Grundidee zu transportieren. Und ich mag das gerne, wenn man in der Zusammenarbeit mit anderen die Möglichkeit hat, sich davon zu lösen, was sein persönlicher Belang ist. Sondern zu sagen: „Okay, lass uns doch mal wirklich relativ frei darüber nachdenken“, ohne dass man jetzt im Grunde genommen auf einer persönlichen, geschmäcklerischen Ebene erst mal versucht einen Anlass zu finden.

Interviewer: Nun ist Blask der neuste Duft, der erhältlich ist von euch. Typische Journalisten Frage: Welche Bilder liegen denn bei dem [? 00:39:37-0] Christoph jetzt gerade, damit sie sich inspirieren?

S1: Zu welchem Thema? Zum nächsten Thema?

Interviewer: Genau.

S1: Hmm.

Interviewer: Irgendwas Kryptisches von mir aus, aber irgendwas dazu.

S1: Es geht um Offenheit. Das ist das Gefühl, wie es sich anfühlt oder wie der emotionale Zustand von Offenheit ist. Und der wird ganz klar an einer Geschichte festgemacht. Die verrate ich jetzt nicht. Aber es geht um Offenheit. Eine bestimmte Form der Offenheit auch. Also nicht im Sinne von „offen“, ich bin jetzt offen für jede Meinung, sondern es geht eigentlich um einen emotionalen Zustand, wo man in eine Situation kommt, wo plötzlich die Karten wie neu gemischt sind. Und es gibt Entscheidungen. Und jede Entscheidung wird das Leben total verändern.

Interviewer: Wunderbar! Klingt sehr mysteriös und sehr interessant. Und dann habt ihr vorhin schon gesagt, klar, so ein Produkt zu launchen, das ist ein Lernprozess. Wenn ihr ein bis drei gute Tipps geben solltet an vielleicht Neu-Unternehmer über alle Branchen hinweg, vielleicht auch speziell auf die Artistic Perfumery. Was wäre das?

S1: Ich glaube, das Entscheidende ist, dass man seinem Konzept sehr treu bleibt, seiner Ausgangsidee. Und diese Ausgangsidee für sich emotional erfahrbar macht, also selber einen Zugang dazu findet und das heißt, auch noch mal von außen das zu betrachten und dahingehend zu untersuchen, ist das wirklich etwas, was mich berührt? Und ich würde immer sagen, das ist eine Treue dazu. Wenn du diese Treue zu dem eigenen Konzept behältst, dann verlierst du auch nicht die Hoffnung, wenn es gerade in einem Moment nicht so gut läuft oder wenn es schwierig ist. Sondern dann hast du immer so einen, ja…

Interviewer: Etwas zum Festhalten.

S1: Ja, hat man hat etwas zum Festhalten. Und das ist eigentlich dazu zu stehen, nur dann wird das auch ein starkes Konzept.

Interviewer: Muss ich kurz nachfragen. Weil es gibt auch diesen Punkt, also treu sein ist auch ein doppelschneidiges Schwert. Ich kann mich halt auch in etwas reinsteigern, von dem ich total überzeugt bin. Sprich, wie viel Kritik darf ich denn, das ist ja ein sensibler Bereich, wenn ich etwas selber schaffe, ob das jetzt ein Rasenmäher ist oder ein Parfüm, letztlich steckt da irgendwas von mir drin, beim Parfum wahrscheinlich noch ein bisschen mehr, gerade emotional. Wie viel Kritik zulassen, also von anderen, ist gut? Und wie viel, ich nenne es mal im positiven Sinn „Trotz“ ist okay und gesund? Weil ich finde das immer sehr schwierig.

S1: Das stimmt natürlich schon.

Interviewer: Wie ist da eure Erfahrung oder wie ist da eure Balance so?

S1: Ich bin jemand, der eher – trotzig nicht, aber ich bin jemand, der immer sehr extrem darauf achtet, dass dieses Konzept eingehalten wird. Und da ist meine Erfahrung eigentlich immer eine positive, dass das am Tagesende immer sich ausgezahlt hat. Also auch in den Diskussionen mit unserem Vertrieb. Kommen wir nochmal zurück zu dem, was wir am Anfang hatten, mit den Großmüttern. Da hat der Vertrieb gesagt, „Nein, also die Geschichte mit den Großmüttern, das ist zu kompliziert, keiner will wie Großmütter riechen.“ Und dann habe ich gesagt, „gut, dann gibt es die Marke nicht.“ Weder werden sie umbenennen,… „Ja, dann sollten wir die Geschichte mit den Großmüttern nicht erzählen.“ Habe ich gesagt: „Doch! Aber es sind die Namen der Großmütter. Ich werde nicht irgendwie so tun, als wenn die Namen vom Himmel gefallen sind.“

Und was sich erwiesen hat, ist gerade dass diese Großmuttergeschichte, der Marke erst mal so einen emotionalen Zugang gibt, den man auch braucht. Ich glaube, gerade Kritik ist wichtig, aber die stellt man sich ja auch, in dem Moment, wenn man fähig ist, die Sache die man macht, von außen zu betrachten. Also ich habe das Gefühl, die Sachen, die wir von Personen, die wir ernst nehmen, die die Dinge kritisieren daran, die sehen wir selber auch. Die sind uns auch selber aufgefallen und an denen arbeiten wir vielleicht mal stärker, mal weniger. Aber ich glaube, das ist ein gesundes, also mit gesundem Menschenverstand… also wenn man sich natürlich in so eine Sache verbohrt, dann ist es eh schwierig.

Interviewer: Und aus geschäftlicher Sicht nochmal vielleicht, irgendetwas wovor ihr andere, die sich damit tragen sich selbständig zu machen, vielleicht in der Parfümerie, vielleicht mit etwas anderem, etwas wo ihr denkt, „Oh ja, den Fehler haben wir gemacht, den vermeidet bitte.“

S2: Also ich glaube, das Wichtige ist halt, klar, das was Sebastian sagt, das würde ich teilen. Dass es wichtig ist, dass man ein Stück weit sich auf seine Intuition und auf sein Bauchgefühl verlässt. Klar, aber aus so einer geschäftlichen Hinsicht ist, dass man eben wissen muss, dass das Zeit braucht, dass man sich bloß nicht selbst überholen darf. Ich glaube, das ist so ein bisschen das Ding. Ich merke, dass wir manchmal anfangen, und das ist ja so, du gehst einmal in so einen Markt rein und dann ist es natürlich im Grunde genommen keine einseitige Richtung mehr, sondern dann findet natürlich automatisch ein Diskurs statt. Und der Diskurs kann sowohl aus Lob, als auch aus Kritik stehen. Weil er besteht grundsätzlich immer aus beidem. Ich finde, das wäre ja schlimm, wenn es keine Kritik gäbe, weil dann würde ich mir viel eher die Frage stellen, ob da was nicht in Ordnung ist?

Interviewer: Weil einem dann das Produkt offensichtlich kalt lässt.

S2: Richtig, ganz genau. Also ich glaube das ist das Ding, die Dinge die eigentlich funktionieren oder die im Kern gut sind, sind die [? 00:46:10-3] Believe in being different. Also ich glaube, dass man sagt: „Kann ich gut mit oder kann ich gar nicht mit?“ Aber wenigstens hat das irgendwie ein Profil. Ich glaube, was wichtig ist, ist dass man sich aus einem unternehmerischen Gesichtspunkt heraus, in dem Moment, wo dieser Diskurs mit dem „ich stelle was in den Markt ein und der Markt reagiert drauf“, man aufpassen muss, dass man nicht anfängt plötzlich, aufgrund dieser Reaktion in irgendeiner Form aktionistisch zu werden.

Interviewer: Umzuschwenken oder so.

S2: Ja, genau.

Interviewer: Machen wir die Flasche doch lieber rund.

S2: Genau, du kriegst natürlich irgendwie…

S1: Jeder hat eine Meinung dazu.

S2: Du gehst vier Tage auf eine Messe und jeder hat eine Meinung dazu. Und du denkst irgendwie: „Ja, Leute…“, also ich kriege dann immer irgendwann einen Föhn, und denke, „Leute, das ist alles schön und gut, aber ich möchte ja nicht unbedingt… ich finde nichts schlimmer, als wenn man irgendwo ist und eigentlich in Erwartungshaltung möchte, dass jemand einem in irgendeiner Form Credit gibt, dafür was man gemacht hat, nur weil man es gemacht hat.“ Also das kann auch nicht Sinn und Zweck sein.
Ich glaube aber auch, dass es heute einfach im Grunde genommen auch zu einem, das ist auch so ein Stück weit so ein Kulturgut geworden, so ein gesellschaftliches, dass Dinge im Grunde genommen schneller und einfacher kommentiert sind als sie gemacht sind. Und ich glaube, man darf sich von dem Fakt „schnell kommentieren“ heutzutage, im Grunde genommen nicht irritieren lassen, weil natürlich Produktläufe und Produktvorläufe einfach viel analoger und viel länger sind, und da darf man dann nicht anfangen, aufgrund dessen aktionistisch zu werden.

Klar, das ist eine persönliche Arbeit, die man macht und jede persönliche Arbeit, also das ist egal, ob das das ist oder irgendwas anderes, ist natürlich immer ein Stück weit etwas, auf das man unter Umständen bei Kritik auch persönlich reagiert. Ganz klar. Also du gehst nicht in einen Blog und liest du einen Bog und sagt er, „jetzt kommen die wieder mit ihren schwülstigen Geschichten“, aber dann schreibt jemand am Ende, „aber wenigstens ist der Duft gut.“ Dann denkst du, „ja gut, dann haben wir doch genau das worum es geht.“ Weil die schwülstigen Geschichten können wir auch sparen, Letzteres ist eigentlich das worauf es ankommt.“ Aber das ist natürlich immer Gratwanderung – Wo fängst du an und wo hörst du auf? Ich merke das dann immer an dem Punkt, die Leute kommen ja auf dich zu und sagen: „Ja, jetzt erzähl mal und jetzt mach mal und jetzt tu mal.“

Und du merkst an dem Punkt plötzlich, bewegst du dich eigentlich wieder in dem Tonus einer doch existierenden Maschinerie, die auch bestimmte Abläufe und bestimmte Erwartungshaltungen hat, oder Erwartungshaltungen an Abläufe oder an Prozesse. Und diese Balance hinzukriegen, ich glaube, das ist halt eben mit Abstand das aller schwierigste. Zu sagen, „Wo bin ich? Und wo bleibe ich das, was ich bin?“ Und an welchem Punkt kann ich im Grunde genommen, halt eben mich öffnen den Dingen gegenüber, die vielleicht auch, und ich glaube, das ist schon – da hast du recht – es ist nicht was zu machen und zu sagen, „Ich glaube aber daran, ich glaube aber daran.“ Es ist immer eine interaktive Geschichte. Sprich, es ist schon wichtig auch darauf zu hören, was andere sage, aber die Balance in der Richtungsweisung zu finden, zu sagen: „Auch wenn ich mir das anhöre und das ernst nehme“, ich glaube Sebastian und ich, wir nehmen Dinge schon sehr ernst, wenn man uns die sagt.

Aber man muss dann auch den Diskurs mit sich selber finden, halt eben zu dem Entscheid zurückzukommen, dass man dann am Ende doch mit Konsequenz das tut, was man entschieden hat zu tun.

Interviewer: Wunderbar! Das ist ein tolles Schlusswort. Ich danke euch riesig für die viele Zeit! Ich finde, das ist ein Konzept, das gib es auch Gott sei Dank her, dass man nicht nur ein bisschen Smalltalk hält und das war’s. Und ja, und mache mich daran, das alles abzutippen.

S1: Danke dir auch!

S1: Vielen Dank!

Interviewer: Viel Erfolg weiterhin! Tschüss.

Veröffentlicht von

Siems Luckwaldt

Siems Luckwaldt ist seit über 20 Jahren als Journalist und Redakteur tätig. Seine Themen: Interviews, Mode, Lifestyle, Uhren, Modernes Leben. Weitere Angebote: Corporate Publishing, Social Media Storytelling, Podcasts